Archiv: 2011 Transeurasien

153-156 Tag: 15.09.11 -18.09.11

Sonntag, den 18. September 2011

 

Cool Down in Beijing

Tage zum Ausspannen und Erholen Beijing, Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten, wie Lamatempel, verbotenen Stadt und Himmelstempel, Shopping, Kaffee und gutes Essen

Lange Ausschlafen ist ein Superluxus, dem man sich nur während des Urlaubs gönnen kann. Nach über 150 Tagen auf dem Rad steht dem nun nichts mehr entgegen, kein argwöhnische Blick aufs Wetter, keiner auf die zu fahrenden Kilometer, sondern gemütlich aufstehen, lange Duschen und dann ab zum Frühstücksbuffet. Unser Hotel in Beijing liegt in einem alten Hutong und das Gebäude ist ein alter traditioneller Wohnkomplex mit verschachtelten kleinen Höfen. Zwar sind die Zimmer recht klein, dafür ist alles mehr als stilvoll und gemütlich ausgestattet und das Frühstück im Innenhof ist ausgezeichnet und entspannend.

Wir bereiten uns auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt vor. Mein Lieblingstempel bleibt nach wie vor der Himmelstempel Tientan. Nicht nur wegen der imposanten Gebäude, der runde Tempel mit seinem blauen Dach ist auch das Wahrzeichen der chinesichen Hauptstadt, sogar in Berlin befindet sich ein kleine Kopie, die als Restaurant fungiert. Der Park um den Tempel ist einfach der Sammel- und Treffpunkt der fitten Rentner und Frührentner Beijings, die hier Sport treiben, Tanzen, Musik machen, Häkeln, Karten spielen und Schwatzen. Und das ist immer eine wirklich gute Fotoserie wert. Beeindruckend sind die geschmeidigen Bewegungen der Tai-Chi Ball Spieler, es funktioniert ein bisschen wie Federball (oder Badminton, wie es seit geraumer Zeit heißt), allerdings spielt man nicht gegeneinader, sondern miteinander und der Ball wird nicht geschlagen, sondern entlang geführt, die Energie des Balles ausnutzend und weiterleitend. Ein Kong Fu Lehrer unterrichtet gerade eine vollschlanke Australierin und ihr ebenso vollschlankes Kind. Womit man sich in Deutschland bis auf die Knochen blamiert hätte, stört hier keinen. Natürlich sehen ein paar leute zu und nicken lächeln anerkenned, wenn doch mal eine Technik klappt. Überhaupt stört sich keiner daran, was die anderen tun, den Rückwärtläufern weicht man hölflich aus und die Tanzgruppe der über 60jährigen, die sich anhand indischer Filmmusik im Bauchtanz üben, wird ebenso bestaunt, wie die Schachrunde der alten Männer. Etwas ist neu, es wird geskribbelt, auf Englisch!!!! Jeder der Spieler hat einen Zettel mit dem Alphabet vor sich und eine Liste alphabetisch geordneter Wörter.

Wir bewundern dann auch die stolzen Tempel und reihen uns an der Echomauer ein in die Reihe der laut rufenden und wie wild Hände klatschenden Chinesen, in dem Lärm geht natürlich jeder hörbare Effekt gnadenlos verloren, Spaß macht es trotzdem, ebenso wie das klassische Foto auf dem Mittelpunkt der Welt, zumindest der chinesischen.

Hinter dem Tientan Park liegt dann das „Kaufhaus des Großen Glücks“, zumindest habe ich dieses Shoppingparadies des ursprünglichen Namens „Hong Qiao“-„Rote Brücke“ umgetauft. Hier gibt es ALLES an Markenware, was man fälschen kann. Im unteren Geschoss beherrschen Brillen, Fotoapparate, Handy, i-pods und allerlei elektonische Klimbim den Markt, dahinter gibt es Seidenware, Unterhosen, Kosmetika. Im ersten Stock dann Schuhe, Koffer, Klamotten, Handtaschen und ganz obern dann Perlen und Schmuck. Im Nebengebäude schlagen die Herzen der großen und kleinen Kinder höher. Elektronisches und ferngesteuertes Spielzeug, Plüschtiere, Holzspielzeug…..Aus rechtlichen Gründen muss ich hiermit natürlich erwähnen, dass wir alle uns den Markt nur angesehen haben, als beredtes Beispiel, wie die chinesische Raubwirtschaft unsere Arbeitsplätze vernichtet und keiner von uns auch nur etwas Illegales erhandelt hat.

Am nächsten Tag steht dann natürlich die „Verbotene Stadt“ auf dem Programm, da klinke ich mich ganz gerne einmal aus, denn hier bündelt sich der ganze Touristenandrang in Beijing und es geht nur noch im Gleichschritt hindurch, kein großer Spaß, aber für den Chinaneulinge ist und bleibt der Kaiserpalast ein Muss und wird auch die Faszination der gigantischen Paläste und riesigen Plätze nicht verlieren und jeder begreift, das hier das Zentrum der Macht des Imperiums China über Jahrhunderte lag.

Natürlich steht auch noch der Lamatempel auf der To-do Liste, der Tempel ist der einzige tibetisch-buddhistische Tempel in der Stadt und für mich schon eine kleine Vorbereitung auf meine Tour in 10 Tagen durch Randtibet. Dichte Schwaden der Räucherstäbchen liegen über dem Gelände. Auch wenn sich heute viel Chinesen eher als nicht religiös bezeichnen, hat doch der Boom der Tempel wieder zugenommen und täglich kommen hunderte hierher um Räucherstäbchen zu den Buddhas und Boddhisattvas zu opfern und um einen männlichen Nachwuchs, gute Geschäfte, eine glückliche Ehe zu bitten und zu beten. Es kann ja schließlich nicht schaden. Der wichtigste Anziehungpunkt des Tempels bleibt aber die 26 Meter hohe stehende Buddhastatue, aus nur einem Stück Holz geschnitzt; und mit diesem Attribut hat sie sogar einen Platz im Guiness Buch der Rekorde bekommen.

In mein Lieblingsfeuertopfrestaurant kommen wir nicht hinein, mehr als 50 Leute warten davor und auf einen großen Tisch besteht keinerlei Chance. So begnügen wir uns dann mit einem netten und einfachen Pekinger Lokal, 8 Tische gibt es in dem Laden und man kann sich sogar noch unterhalten, was in vielen anderen Läden nicht geht.

Abschied nehmen heißt es heute, Christa fliegt noch am Abend, die anderen folgen am frühen Morgen. Seit dem 16. April sind wir unterwegs gewesen und haben den kalten Sommer in Deutschland nicht erleben müssen, dafür haben wir uns 12.150 km durchs Baltikum, Russland, Sibirien und die Mongolei bis nach China durchgekämpft und es hat wieder einmal geklappt. Wir sind gesund und munter und um viele Erfahrungen reicher in Beijing angekommen und haben unsere Ehrenrunde auf dem TianAnMen Platz gedreht und unsere Ziefotos unter den wachsamen Augen von Mao gemacht. 5 Monate Radfahren und davor mehr als ein jahr der Vorbereitung haben hier ihre Vollendung erfahren und wie immer heißt es: Nach der Tour ist vor der Tour! Und deshalb geht es schon in einer Woche weiter in Tibet mit einer neuen Gruppe. Bis dahin verabschiede ich mich und danke noch einmal allunseren virtuellen Begleitern, das Blog war ein voller Erfolg, wir hatten 15.000 Besucher auf der Webseite, jeden Tag haben 100 Leser unsere Abenteuer verfolgt: Vielen Dank dafür und ein Versprechen meinerseits: Ich schreibe weiter!

151. Tag: Dienstag, der 13. September 2011

Dienstag, den 13. September 2011

Wegelagerer an der Wilden Mauer

33 Kilometer vom Minggräberstausee nach Huang Hua, Besteigung der Wilden Mauer bei Huanghua und tolle Fischrestaurants, 451 hm bei trüben 23 Grad

Wieder so ein grauer Tag und dabei ist die Gegend um Beijing hier so schön. Überall gibt es kleine Dörfer und viel Plantagen. in den weiten Tälern wird Obst angebaut und das ganze land wird mit Pfirsichen und Äpfeln aus der Region versorgt. Weiter oben dann werden die Obstplantagen von Walnüssen abgelöst und von einer Frucht, die hier Chinesische Dattel genannt wird, sie sieht auch ein wenig aus wie frische Datteln, aber der niedrige Baum hat mit einer Dattelpalme nichts gemein (und mir schmeckt die Frucht auch nicht sonderlich).

Wir schrauben uns noch einmal 300 Höhenmeter über eine Bergkette und genießen dann eine lange Abfahrt. Hier unten gibt es viele Fischrestaurants, die Fischbecken mit einer schwarzen und einer goldenen Forellenart befinden sich direkt vor den Restaurants. Vor Jahren habe ich mich einmal in die Bedienung eines Ladens verguckt, die wunderschöne lange haare in einem dicken Zopf bis zu den Knien hatte. Das Mädel hat inzwischen längst geheiratet und ein hoffentlich süßes Baby, aber wenigstens bin ich dem Laden treu geblieben und der ist es auch wert. Hier gibt es dann Fisch auf jeder erdenkliche Art und Weise und wir schlemmen mit frischem Fisch und Wasabi, gegrilltem Fisch mit türkischen Gewürzen, Fisch mit Wildpilzen und ich lasse mich sogar dazu hinreißen süß-saueren Fisch zu bestellen. Es ist so lecker, dass sogar die eigentlich Fischhasser ordentlich zugreifen, denn die Forellenart lässt sich leicht und gut von der Gräte lösen.

So gesättigt fahren wir dann die letzten 6 Kilometer bis wir bei Huang Hua wieder auf die Mauer treffen. Hier ist der Mauerabschnitt eigentlich für Touristen gesperrt, bis vor 6 Jahren war auch nichts restauriert, dann hat man aber die Mauer hier auch teilweise ausgebessert und Huang Hua gilt als nicht mehr ganz geheimer Tipp für alle, die auf der mauer ihre Ruhe haben wollen. Das lässt sich aber nicht immer ganz so gut durchsetzen, denn die einheimischen haben die Zugänge zur Mauer blockiert und den Weg auf die Mauer so gestaltet, dass man durch ihren Garten laufen muss. Der ist dann so gesichert, dass man nur durch ein schmales Tor kann und dort wird dann pro Person 2 Yuan abkassiert. Das ist ein sehr freudloser Job, denn jeder Touri, auch die Chinesen regen sich mächtig auf und ich kann mich noch gut an die Steine werfende Frau erinnern, die hier immer noch ihr Unwesen treibt.

Wir hatten uns deshalb eigentlich ohne Debatte mit 2 Yuan Eintritt abgefunden, aber auf dem Weg nach unten muss man durch einen weiteren Garten und da wird wieder kassiert und dahinter liegt ein weiterer, dessen Durchgang auch wieder schwer gesichert ist und hier ist dann auch unsere Geduld und Zahlungsbereitschaft am Ende, aber es nützt nix, das geifernde Pärchen hätte es sogar auf Handgreiflichkeiten ankommen lassen und der Schäferhund im Garten lechzte auch schon nach unseren Waden.

Die mauer geht hier auch sehr steil die Berge hinauf und wieder hinunter und bei der hohen Luftfeuchtigkeit muss man aufpassen nicht ins Rutschen zu kommen. Wir klettern nicht zu weit, denn die Sicht ist bei dem grauen diesigen Wetter doch sehr eingeschränkt und dabei kann ich mich an wunderschöne Sonnenuntergänge hier erinnern. Auch habe ich die Jahrtausendwende hier mit meinen Studienkameraden auf eine Wachturm am Lagerfeuer verbracht, der Mauerabschnitte hier steckt also für mich voller Erinnerungen.

Das Hotel heute ist auch direkt an einem Fischbecken und so gibt es zum Abendessen wieder reichlich frischen Fisch und kühles Bier und dann beginnt die letzte Nacht, bevor wir morgen unser Ziel erreichen.

150. Tag: Montag, der 12. September 2011

Montag, den 12. September 2011

Breakfast with Greg Bennett (Frühstück mit Greg Bennett)

Tagesausflug zu den Minggräbern und zur Seelenstraße, 23 Kilometer bei grauem Wetter ohne Regen und 21 Grad

Wer zum Teufel ist Greg Bennet? Die Triathlonbegeisterung hat die Gruppe ergriffen, wegen des Events, der in den letzten Tagen hier stattgefunden hat. Lin möchte am liebsten sofort mit dem Training anfangen und geht früh auch schon mal joggen. Theoretisch sitzt hier im Hotel im Frühstücksraum die gesamte Weltelite, ausgenommen der Deutschen. Die sollen im Hotel nebenan wohnen und schlecht abgeschnitten haben, weil sie sich mit dem Essen im Hotel kollektiv den Magen verdorben haben.

Wenn man natürlich mit so vielen Stars und Sternchen in einem Frühstücksraum sitzt, dann möchte man (frau) natürliche wissen, who is who, und es wurde gestern Abend fleißig gegoogelt. Ein gut aussehender Athlet in mittleren Jahren und Trainer wird als Greg Bennet identifiziert, mehrfacher Gewinner diverser Triathlone auf dieser Welt, so um das Jahr 2002 herum. Den muss man doch wohl kennen!

Beim Frühstück möchten wir nun alle wissen, wer ist dieser Greg Bennet und wann kommt er endlich zum Frühstück und was frühstückt er und wir diskutieren darüber ob er gut Fußmassagen geben kann, oder sich doch lieber die Füße massieren lässt. Dann taucht er auf, kräftiger Körper, dunkelblonde Haare, wippender Gang, geschmeidiges Lächeln….und spricht fließend Russisch und heißt Wladimir Tschewonibudch und ist dann doch der Trainer der russischen Equipage statt der australischen.

Der Rest des Tages ist dann Grau in Grau, es lohnt sich kaum die Kamera mitzunehmen, die Wolken hängen tief und es ist mehr als diesig, richtiges Depressivwetter, als wir zu den Minggräbern und zur Seelenstraße aufbrechen. Man könnte hier eigentlich so schöne Aussichten über den Minggräberstausee haben und die Obstplantagen rundherum sind eigentlich wunderbar satt Grün, aber mit dem Nebel ist alles recht öde.

Die Seelenstraße ist der Eingang zum Tal der Gräber der Mingdynastie. Seit dem 17. Jahrhundert wurde 13 der 14 Mingkaiser hier begraben. Nachdem die Ming ihre Hauptstadt von Nanjing nach Beijing verlegt hatte, war man auf der Suche nach einem abgelegenen Tal für die ewige Ruhe der verblichenen Kaiser hier fündig geworden. In einer langen Prozession wurden die toten Kaiser hier durch prächtige Tore und einer langen Straße mit überlebebsgroßen steinernen Figuren von Soldaten, Beamten, Fabelwesen, Elefanten und Kamelen vorbei getragen. Heute ist es vorbei mit der Ruhe der Kaiser, denn die halbe Welt ist hier unterwegs. Der Tagesausflug von Beijing beinhaltet die Seelenstraße, dann einer der Minggräber und die Große Mauer bei Badaling, inklusive Mittagessen und Jadeshoppingcenter.

Wir wandeln noch recht früh am Morgen die Seelenstraße entlang, als noch nicht so viele Touristen hier eingefallen sind, dafür trifft es uns dann am Chang Ling, dem Grab des ersten Ming Kaisers Pu Le, als wir mit 6 großen Bussen voller ausländischer Touris durch die Anlage stampfen. Am interessantesten ist hier der gewaltige Tempel im Eingangsbereich, der auf gewaltigen Baumstämmen ruht. Mit heiliger Ruhe ist hie nix mehr und man hat kaum Gelegenheit, die recht gute Ausstellung über die Regierung der Ming zu genießen.

Das Grab an sich bietet dann nicht mehr als einen schönen Ausblick, denn die Kaiser ruhen in einem Grabhügel tief unter der Erde in einer versiegelten Gruft.

Uns reicht es dann für den Tag und wir suchen uns am Abend wieder ein Grillrestaurant, es wird noch besser als am Vortag, denn es wir auch Gemüse gegrillt, also Kartoffeln, Auberginen und chinesischer Schnittlauch und wir hatten eigentlich nur ein kleines bisschen essen wollen!

149. Tag: Sonntag, der 11. September 2011

Sonntag, den 11. September 2011

Invasion in Badaling

60 Kilometer vom Ganting Reservoir nach Chang Ping, 232 hm bei sonnigen bis 22 Grad, Große Mauer bei Badaling

Heute Morgen können wir dann erst einmal einen Blick darauf werfen, wo wir eigentlich gelandet sind, rundherum Maisfelder und ein wenig schimmert der Gaunting Stausee hindurch. Das Frühstück ist mies, es gibt die schlechteste Nudelsuppe, die ich je in China gegessen habe. Ein weiterer Plattfuß ist nach dem Frühstück schnell repariert und dann geht es weiter in Richtung Peking. Nach einigen Kilometern verlassen wir dann auch die Provinz Hebei und fahren in den Pekinger Landkreis ein, die Hauptstadt liegt nunmehr nur 60 Kilometer etwas südlich von uns entfernt, ist aber heute noch nicht unser Ziel. Das liegt in den Bergen vor uns: die Chinesische Mauer bei Badaling.

Badaling ist der Mauerabschnitt, der am nächsten zur Hauptstadt liegt und deshalb auch am touristischsten ausgebaut. Es ist Sonntag und deshalb rechne ich auch mit einem regelrechten Massenandrang. Langsam tauchen dann auch die ersten Wach und Signaltürme auf den Bergkämmen auf und auch der Verkehr wird dichter. Nur noch drei Kilometer von dem historischen Gemäuer entfernt staut sich der Verkehr auch ordentlich und auf dem Parkplatz ist richtig was los, ganz Beijing schein heute hier unterwegs zu sein und nach links und rechts schiebt sich ein unendlicher Pulk bunter Touristen die Mauer hinauf und wieder hinunter.

Die Mauer in Badaling ist schon recht spektakulär, denn unten vom Tor im tief eingeschnittenen Tal geht es auf beiden Seiten steil nach oben bis auf die Gipfel der umliegenden Berge und dann atemberaubend in das nächste Tal hinein und wieder auf den nächsten Gipfel. Kaum vorstellbar, die logistische Leistung, die hier vollbracht wurde und die Schinderei von hunderttausenden von chinesischen Arbeitern und Strafgefangenen durch verschiedenen Dynastien, die hier emsigst unter schwersten Bedingungen Steine geschleppt und aufeinander gesetzt haben.

2000 Jahre wurde an dem Bauwerk herumgebastelt wird in den Reiseführern und Geschichtsbüchern erzählt, aber die Mauer um Badaling dürfte nicht viel älter als 200 oder 300 Jahre sein. Und auch von den originalen Bauten aus dieser Zeit ist nicht mehr viel zu sehen, denn in den 60er und 70er Jahren wurde hier der Mauerabschnitt renoviert und für den Massentourismus zubereitet. Böse Zungen behaupten sogar, es habe hier an dieser Stelle nie eine Mauer gegeben, in der Realität glaube ich, dass lediglich nicht mehr viel davon übrig war. Ein paar Kilometer weiter befinden sich unrenovierte Abschnitte, die mauer an sich ist keine zwei Meter mehr hoch und von üppigem Grün überwuchert, lediglich die Wachtürme überlagern die Büsche und Sträucher. Die Ziegel um die Mauerfüllung aus groben Steinen wurden von den Dörflern in der Umgebung wohl sorgfältig wieder abgetragen und zum Häuserbau verwendet.

Wie auch immer folgen wir dem Strom von Touristen aufs Bauwerk, der Eintritt mit 45 Yuan, knappe 5 € ist recht moderat. Es herrscht ausgelassenen Wochenendstimmung und die Chinesen und ein paar ausländische Touristen digitalisieren Erinnerungen, was das Zeug hält. Ich mag Badaling besonders, nicht wegen der Mauer, sondern weil man einfach so hervorragend Chinesen gucken kann, hier findet man den Querschnitt durch eine ganze Nation, da wird die Oma und der Opa vom Lande auf den ersten Wachturm nach oben geschoben, intellektuelle Studenten mit Nickelbrille, verzogene dicke Einzelkinder aus der Hauptstadt, den Betriebsausflug einer Landkommune, Neureiche mit superprofessioneller Fotoausrüstung und eben ein paar Radfahrer, die vor ziemlich genau 12.000 Kilometern an der Berliner Mauer aufgebrochen sind, um hierher zu fahren.

Wieder zurück auf dem Parkplatz schicken wir Xiao Pang, unseren Fahrer über die Autobahn weiter und schmuggeln uns an den Ordnungskräften vorbei in die Fußgängerzone und können dadurch auch direkt durch die Mauer fahren. Wir stoppen noch einmal unter dem Torbogen für ein historisches Foto und ganz schnell haben wir auch ganz viele Chinesen um uns herum, die auch mit aufs Foto wollen, viel Jubel und Heiterkeit und ein bisschen Olympiastimmung wie vor zwei Jahren, als wir aus Athen kommend auf dem Platz des Himmlischen Friedens angekommen waren.

Den Rest des Tages geht es dann noch 600 Höhenmeter nach unten, dann durch die Stadt Changping hindurch, ein ehemaliges Provinznest, heute eine quirlige Vorstadt von Beijing mit modernen breiten Straßen, die dem Feierabend Verkehr trotzdem nicht mehr gewachsen sind.

Unser Hotel liegt noch drei Kilometer vor der Stadt und hier hat wieder einmal die WM im Triathlon stattgefunden. Überall sieht man schicke superleicht Rennräder und die dazugehörigen bunten Fahrer. Glücklicherweise ist der Wettkampf vorüber und die Mannschaften im Aufbruch, sonst hätten wir wohl in der ganzen Region wieder einmal keine Zimmer gefunden. Von den Wettkämpfern werden wir mit unseren „Billigrädern aus Holland“ kaum beachtet und wenn man die anderen Langnasen auf der Straße grüßt kommt keine Antwort. Das sind mir dann doch die Langstreckenreiseradler lieber, die sich mit zuviel Gepäck durch Wüsten und Gebirge schleppen, ihre Plattfüße selber flicken und durchnumerieren, die auch einmal drei Tage ohne Dusche auskommen und sich richtig über ein Tasse guten Kaffees freuen können.

148. Tag: Samstag, der 10. September 2011

Samstag, den 10. September 2011

Kälteinbruch

146 Kilometer von Yuxian zum Guanting Reservoir, 668 hm bei Regen, Nebel und frostigen 8 bis 10 Grad

Was für eine Kälte das draußen ist, höchstens 10 Grad und es regnet. Nicht mehr in Strömen, wie die ganze Nacht, aber es plätschert doch noch kalt und unangenehm vom Himmel, so dass wir uns gut verpacken, bevor wir auf die letzte richtig große Etappe gehen.

Hinter dem Ort reist dann die Wolkenschicht ein wenig auf und gibt den Blick auf die umliegenden Berge frei und es ist kaum zu glauben: Es hat geschneit heute Nacht und die Schneegrenze liegt gerade einmal fünfhundert Meter höher, so ungefähr auf 1700 Meter.

Je weiter wir nach oben kommen und das ist glücklicherweise nicht mehr so viel, umso kälter wird es. Wir kramen Mütze und Handschuhe hervor und tauchen dann in dichten Nebel ein. Nach oben wird es noch einmal merklich kühler und der Nebel immer dichter, zum Glück regnet es nicht mehr, aber trocken wird man natürlich inmitten der dichten Wolken auch nicht. Oben am Pass beträgt die Sichtweite nicht einmal mehr 50 Meter. So kurven wir die schöne Abfahrt auch nur langsam herunter, einmal um nicht zu erfrieren, zum anderen, um den dicken Brummis, die uns ab und an überholen, rechtzeitig ausweichen zu können.

Unten kommt dann an einer großen Kreuzung endlich mal wieder ein Restaurant, aber das Angebot ist mehr als mies und wir bekommen nicht mehr als eine Nudelsuppe mit ein paar Pfitzelchen Fleisch drin.

Aus den Bergen heraus lichtet sich der Nebel und wir merken, dass es eigentlich eine sehr schöne Etappe hätte werden können, aber es fängt wieder an zu regnen, als das Guating Reservoir am Horizont auftaucht. Und es ist glücklicherweise ein paar Grad wärmer geworden.

Am Stausee kennt niemand das Hotel und so fahren wir weiter und weiter, bis es irgendwann dunkel wird. Endlich, dann 15 Kilometer weiter als vermutet geht es nach rechts ab in die Maisfelder einen schlammigen Weg entlang. Nach zahlreichen Ecken und Kurven taucht dann Licht auf und wir sind gegen 20 Uhr am Ziel. Das Hotel ist tendenziell eher mies, mehr als schlichte Zimmer und es kommt kein warmes Wasser aus der Dusche. Es ist das erste Mal auf einer Reise, dass ich erlebe, dass alle Teilnehmer auf eine abendliche Dusche verzichten. Wir sind alle schön müde von dem langen Tag und das Essen in dem „Holiday Ressort“ ist gut und reichlich. Wir gönnen uns dann noch zwei Flaschen eines lokalen Cabernet Sauvignons und der ist auch erstaunlich gut, so hat der Tag wenigstens ein gutes Ende und alle fallen müde in die Betten.