Archiv: 2011 Berg Tempel Tankhas

Jubel, Trubel, Heiterkeit zum 60. Jahrestag der VR China

Donnerstag, den 1. Oktober 2009

62 gemütliche Kilometer, abwärts und mit Rückenwind, anfangs nur 8 Grad, dann T-Shirtwetter

 

Ich habe so schlecht geschlafen, warum weiß ich, als ich mein Zimmer verlasse und mein Blick noch einmal auf die Zimmernummer fällt „414“, das schlechteste, was man in einem chinesischen Hotel bekommen kann, die 13 zum Quadrat, denn phonetisch ähnlich klingt „ ich will sterben und sterben“; da bin ich ja mit Schlaflosigkeit noch einmal gut davon gekommen.

Halb acht starten wir und unsere neuen taiwanesischen Freunde warten schon. Wir haben die gleiche Strecke bis Zhangye, dann zweigen wir nach Süden ab und die beiden fahren weiter die Seidenstraße entlang bis nach Kashgar am entlegensten westlichen Zipfel von China. Wir beginnen den Tag in einer Nudelstube, es ist frostig frisch draußen, nur in der Sonne ist es etwas angenehmer zu fahren. Neben der Straße läuft direkt die Autobahn, so dass wir nicht viel Verkehr haben, die Kulisse ist grandios, denn links am Horizont verläuft eine Bergkette und dahinter liegt ein Massiv mir Schneegipfeln, ein Ausläufer des Qilian-Gebirges.

Alle Städte und Dörfer sind schon seit Tagen geschmückt wegen des 60. Gründungsjahrestages der Volksrepublik China. Überall hängen Nationalfahnen, rote Schriftbanner, Fähnchen, Wimpel und rote Laternen und das Fernsehen macht schon seit Tagen Festprogramm in buntesten Farben, Volksmusik und Ballett, revolutionäre Epen und festliche Revuen in Beijing für verdiente Veteranen. Wir werden in einem kleinen Dorf überrascht. Auf einem kleinen Dorfplatz am Straßenrand sitzen drei Musiker mit Erhu-Instrumenten, der einseitigen chinesischen Geige und ein paar Frauen sind gerade dabei in bunte Kostüme zu steigen. Wir werden heran gewunken und dann beginnt die Show, nur für uns und nicht einmal einem dutzend Leuten aus dem Dorf. Die drei Geigen quietschen Volkslieder und die Damen, meist im reifen Alter tanzen und singen, alle haben ihren Spaß. Wir genießen die Show und bedanken uns und dann geht es weiter in schneller Fahrt. 20 Kilometer vor Wuwei dann der nächste Stopp, dort liegt das Bai Ta Si, eine Tempelanlage mit 101 weißen Stupa und ein weiterer Hinweis auf die Nähe Tibets, denn die Stupa ist eine kleine oder auch große glockenförmige, buddhistische Pagode, die nicht zu begehen ist und die man in Tibet, aber auch in Burma und Laos sehr oft sieht.

Wir wandeln durch duie schöne Anlage, das Wetter ist inzwischen herrlich warm und die weißen Stupa bilden einen wunderbaren Kontrast zum stahlblauen Himmel. Aus dem Lautsprecher dröhnt die Übertragung der großen Militärparade auf dem Tian An Men Platz in Beijing, Marschmusik und Gleichschritt, machen kaum ein gespräch möglich. Da wir ein bisschen hungrig sind, sponsere ich eine Packung Schwarzbrot und ein großes Stück Käse, die Taiwanesen sind begeistert, Aida, so heißt die Schwester, ist gerade aus Deutschland zurückgekehrt und hat von den vielen Brot und Käsesorten geschwärmt, in Taiwan gibt es höchstens amerikanisches Labberbrot und eine Sorte Käse und die heißt auch „Käse“.

Gegen 14 Uhr sind wir in Wuwei, die beiden Taiwanesen verabschieden sich und suchen eine preiswerte Herberge, wir ziehen weiter zum Hotel und bekommen nette kleine Zimmer zu 110 Yuan, also 11 €.

Auf der Straße herrscht großer Trubel, tausende von Leuten sind in der Fußgängerzone unterwegs, natürlich haben die Läden und Kaufhäuser nicht geschlossen, denn Shopping gehört zum Feiertagsvergnügen der Chinesen. Auch wir wollen neben dem Guucken einkaufen. Andreas Videokamera funktioniert seit gestern Abend nicht mehr, der einzige Laden organisiert das gleiche Model binnen einer halben Stunde und Andreas ist glücklich, wieder filmen zu können. Aber nur eine Stunde, denn zurück im Hotel funktioniert die alte Kamera auch wieder; jetzt hat er zwei von diesen Geräte.

Wir genießen den Trubel, die bunten Menschen und die vielen Farben und schlendern über den riesigen Markt. Nichts, was es hier nicht zu kaufen gäbe oder zu essen. Halbe Hammel, roh oder gebraten, die Hammelköpfe lachen gebraten am Wegesrand, fünf Köpfe zu einer Pyramide getürmt. In der letzten Marktstraße hundert von engen Käfigen mit Hunden und Katzen und Kaninchen und natürlich viel Obst und Gemüse und große Stände mit Nüssen und getrockneten Früchten.

Irgendwann, nachdem wir mit einem zahnlosen alten angetrunkenen Mann noch einen 60 Grad starken Schnaps trinken mussten wird es uns zu viel im Gedränge und wir suchen uns in ein kleines Lokal und essen nicht zu hungrig drei nette kleine Gerichte.

Inzwischen ist es draußen dunkel und ab und an wird vor einem großen Kaufhaus Feuerwerk gezündet und bunte Garben explodieren am Himmel. Wir ziehen weiter und landen in einem Tanzhaus, gelockt hatten uns die heißen Rhythmen und die luftig bekleideten Mädels, die schon am Nachmittag den Tanzabend beworben haben, drinnen ist jedoch Dorftanz auf hohem Niveau: Walzer, Tango, Cha Cha Cha. Die Leute sind durchweg geübt und lecken eine flotte professionelle Sohle aufs Parket und um 21 Uhr zeigen dann noch Showtänzer ein kurzes Programm.

Unter weiterem Feuerwerk schlendern wir durch die immer noch belebte Einkaufsstraße zurück zum Hotel und blicken auf einen gelungenen Tag zurück.

Vierter Tag: Großer Pass und Polizeikontrolle

Mittwoch, den 30. September 2009

106 Kilometer von Yongdeng nach Gulang, ein großer Pass mit 3030 Metern, 1040 Höhenmeter bei kühlen 8 bis 12 Grad

 

Halb acht rollen wir zu einem leckeren Baotze Frühstück, also gefüllte Teigtaschen, dann geht es in einen trüben Morgen, aber die Sonne scheint sich noch ihren Weg bahnen zu wollen.

Ich habe ganz vergessen unser Team vorzustellen, unterwegs bin ich mit Andreas und Thomas. Thomas kommt aus Bonn und war im letzten Jahr parallel zur Athen-Beijing Tour in Zentralasien unterwegs, in Buchara haben wir uns kurz gesehen. Andreas aus Berlin war im letzten Jahr schon mit mir im Süden, auf meiner Berge, Brücken und Wasser Tour.

Wir fahren heute parallel zur Autobahn, deshalb ist die Straße schön ruhig. Kontinuierlich geht es bergan und es gibt wieder unzählige kleine Orte. In Tianzu, einer tibetisch-regierten Kleinstadt werden wir von der Polizei gestoppt, nachdem die Beamten jemanden von der Ausländerpolizei heran telefoniert haben, wurden unser Pässe für gut befunden. Ich teile ihnen mit, dass wir gar nicht hier bleiben wollen, sondern noch gute 70 Kilometer weiter fahren und die Gesichter entspannen sich, wegen der Feiertage dürfen wir auf keinen Fall hier übernachten und Tschüß und ganz schnell bitte weiter fahren.

Wir haben nichts dagegen und strampeln weiter etwas bergan. Tibeter haben wir nur sehr wenig gesehen, aber weiterhin viele Hui-Moslems, bei einigen Läden sind die Aufschriften in Chinesisch und Tibetisch und wir kommen an einem ersten Stupa vorbei, der links der Straße auf einem Hügell thront. Es ist wesentlich frischer als gestern und je höher wir kommen, umso kälter wird es.

Nach einem nudligen Mittag geht es dann in Richtung Pass. Hier bläst uns ein kalter Wind entgegen, doch es geht nur noch 250 Höhenmeter straff bergan. Dann erreichen wir den ersten „Höhepunkt“ unserer Reise, den Krähenpass mit 3030 Meter Höhe, Andreas und Thomas waren mir dem Rad noch nie so hoch, herzlichen Glückwunsch, es darf dann auch ruhig das Hinterteil etwas schmerzen; doch es wird nicht der letzte Pass mit solcher Höhe sein.

Im letzten Jahr bin ich die Strecke schon einmal gefahren auf der Athen-Beijing Tour, allerdings in die andere Richtung, auch haben wir heute die schönere kleine Straße gewählt und nicht den Highway, wie im letzten Jahr. Leider gibt es oben auf dem Pass der alten Straße keine weitere Stupa oder Gebetsfahnen, sondern nur eine Wetterstation und Schafe.

Oben machen wir unsere Fotos und blicken im Windschatten des Passschildes noch ein wenig umher, ringsum hohe Berge und auf einigen Gipfeln kleine Schneeflecken. Für die Abfahrt packen wir uns richtig ein und dann geht es auf den nächsten 30 Kilometern wieder 1000 Höhenmeter hinunter in schneller Fahrt. Unten liegt die mickrige Kleinstadt Tianzu, auf der Hauptstraße gibt es zwei Hotels, das Zimmer kostet 80 Yuan, also 8 €, die Dusche ist nur lauwarm und die Handtücher nur so groß wie ein Taschentuch. Vor dem Hotel trafen wir noch ein Geschwisterpaar aus Taiwan, die auch in unsere Richtung unterwegs sind und verabreden uns zum Essen. Die beiden haben ein paar Tage den gleichen Weg, wollen dann aber weiter die Seidenstraße entlang bis Xinjiang.

Wir plaudern uns angeregt durch den Abend, doch schon gegen 21 Uhr sind wir alle richtig müde. Morgen radeln wir dann gemeinsam bis Wuwei. Nach dem langen und anstrengenden tag liegen nur 70 Kilometer vor uns, also fast ein Ruhetag.

Dritter Tag: Eindrücke aus dem Hui-Land

Dienstag, den 29. September 2009

Mit dem Flieger nach Lanzhou, dann 75 hügelige Kilometer bei Sonnenschein bis Yongdeng, 500 Höhenmeter

 

Und wieder zeitig raus, schon um 6 Uhr müssen wir los in Richtung Flughafen, dort die Räder aus der Gepäckaufbewahrung holen und einchecken. Alles funktioniert ohne Probleme, doch 40 € müssen wir fürs Übergepäck bezahlen, das ist ok dafür, dass wir drei Fahrräder dabei haben. Dann bleibt noch ein wenig Zeit für einen Kaffee, der ist genauso teuer, wie in Berlin, schmeckt dafür aber auch gut.

Der Flieger bringt uns in zwei Stunden nach Lanzhou, die letzte halbe Stunde haben wir einen guten Blick auf die Gobi Wüste, dann wird es bergiger und es ist nicht mehr ganz so trocken und dann landen wir auf dem Lanzhou Airport, der ca. 80 Kilometer nördlich der Stadt liegt. Mehr als eine Stunde brauchen wir, um die Räder zu montieren, das Reinigungsteam entsorgt sofort unsere Kartons und Pappen und dann kann es losgehen. Draußen ist es angenehm warm, die Sonne scheint und obwohl der Flugkapitän nur 14 Grad angesagt hat, ist es Wetter für kurze Hose und T-Shirt.

Wir fahren erst einmal nach Norden, flach geht es durch kleine Moslem Dörfer. Die Gegend ist von der moslemischen Hui-Minorität bevölkert und die Frauen sind alle mit Baumwolltuch und Mundschutz gegen das raue Klima und den Wind maskiert. Die kleinen Orte bieten viele Fotostopps, in einem kleinen Hof dampft ein solar betriebener Teekessel, der Topf ist in der Mitte eines 2m großen Hohlspiegels aufgehängt, bis zu eine halbe Stunde braucht man, um die zwei Liter zum Kochen zu bringen.

Nach 25 Kilometern machen wir an einer Nudelbude Rast und verschlingen hungrig eine große Portion Nudeln mit Hammel, für (den anderen) Thomas gibt es Rührei mit Tomate.

Dann wird es hügelig und überall wird Maisstroh auf kleine Traktoren geladen, die zuckeln dann langsam mit mächtig viel Überbreite ins nächste Dorf. Am Straßenrand wird geschlachtet, die Haut und der Kopf des Schafes liegen auf dem Boden, der gehäutete Körper wird, an einen Ast gehängt ausgenommen. In den kleinen Dörfern sitzen alte Männer an der Straße und Frauen tragen ihre Babys herum. Nach einigen Hügeln und kleinen trockenen Bergen erreichen wir die Hauptstraße, dann geht es noch 15 Kilometer bei kräftigem Verkehr nach Yongdeng, ein nettes Hotel ist schnell gefunden und die heiße Dusche tut gut, dann wandeln wir noch ein wenig durch das kleine Zentrum und essen in einem kleinen Lokal. Die Nudeln zu Mittag waren so reichlich, das wir uns mit zwei kleinen Gerichten begnügen, bevor wir wieder zurück schlendern. Nach zwei Nächten mit nut wenig schlaf, falle ich in mein angenehm hartes Bett und freue mich auf acht Stunden Schlaf, welche auch durch nichts gestört werden.

Alles klar in Beijing

Montag, den 28. September 2009

Kurz vor der Landung startet der Flieger noch mal durch, aber nach einer Ehrenrunde setzen wir einigermaßen sanft auf. Mit etwas Rennerei vom vierten Level ins zweite Level und dann wieder ins vierte und dann zurück ins zweite, lassen sich dann die beiden Räder bis morgen einlagern. Mit der neuen Metro geht es aus dem supermodernen Terminal 3 Bereich dann in die Stadt. Ein Taxifahrer will uns für 100 Yuan zum Hotel bringen und hat Glück, dass ich beide Hände frei habe, mit dem nächsten Taxi bezahlen wir 17 Yuan, die Hotelresevierung hat geklappt, nette Zimmer im Jugendhotel für 240 Yuan, aber wir ziehen gleich los, Geld tauschen auf der Bank, mein Rad auslagern lassen, Transfer für den nächsten Tag organisieren und dann noch schnell Kultur: Um die Ecke liegt der Lama-Tempel, weihrauchgeschwängerte Luft, Mönche, die auf Fotoapparate abgerichtet sind, viele Touristen, ein paar um Glück, Kinder, mehr Geld oder Heirat betende. Es gibt eine kleine Einführung in Tempelkunde und den Guinness Buch der Rekorde Buddha- der weltgrößte aus einem Stück Holz gefertigte Buddha mit 36 Metern Höhe lächelt weit oben erhaben über uns und den Rest der Welt.

Auch Maysie, das Babyschaf meines Sohnes Peters ist begeistert vom Tempel und ein kleiner Junge vom Schaf.

Wir schlendern durch die abendlichen Hutong, die kleinen Wohnviertel, die Leute sind auf den Straßen, Lachen, Spielen Karten und Frauen schwatzen, hunderte von Rentnern sind freiwillig all gelb gekleidete „Sicherheit“ aktiviert und beschäftigt, die Hauptstadt sauber und ordentlich auf den 60. Republikgeburtstag vorzubereiten. Olympia ist endgültig vorbei und die Beijinger gehen wieder ungeniert im Schlafanzug spazieren.

Dann endlich haben wir uns unser Abendessen verdient, gleich gegenüber in einem meiner kleinen Lieblingslokale, drei Gericht und Jiaotze bis zum Umkippen und ein paar Flaschen Bier. Danach sind wir nach der langen Nacht zum umkippen müde und morgen müssen wir schon wieder halb fünf morgens aufstehen, um unseren Flieger zu bekommen.

On the way- Auf dem Weg nach China

Sonntag, den 27. September 2009

Nun ist es wieder so weit, der Zug rattert nach Frankfurt, draußen scheint noch einmal die Sonne und der Wetterbericht hat langfristig Regen und Kälte prognostiziert, also nix wie weg.

Heute Morgen habe ich dann noch die Wohnung auf Hochglanz gebracht, so dass die Wohnung mit angenehm wenig Gepäck, zwei Radtaschen, die Lenkerbox und noch eine weitere Tasche mit Schlafsack und Computer, angenehme 18 Kilogramm, na gut in Beijing kommt dann noch das Werkzeug dazu, und das war’s dann wirklich.

Seit langem fahre ich wieder einmal mit der Bahn nach Frankfurt, die Preise für ein One-Way Flugticket waren nicht zu verkraften und über Leipzig geht es dann erst einmal mitten durch meine Heimat Thüringen, sieht aus dem Zugfenster alles schön grün und sonnig aus, vielleicht sollte ich hier auch mal eine Radtour machen.

In Frankfurt habe ich noch drei Stunden zeit, aber besser etwas zu früh als zu spät, weil sich wieder jemand vor den Zug werfen muss. Etwas später kommt dann auch Thomas mit Riesenfahrradkarton, aber es gibt beim Einchecken keine Probleme und vor dem Gate 25 treffen wir auch auf Andreas. Ich habe im Transitbereich eine kleine Flasche Wein geschenkt bekommen und Andreas sorgt für die Schokoladenbasis.

Inzwischen werden die Wahlergebnisse bekannt gegeben und wir sind froh aus dem Lande zu kommen, waren doch bei einem schlechten Wahlergebnis Anschläge angedroht. In Frankfurt versucht man mit massivem bewaffnetem Polizeiaufgebot dem zuvor zu kommen, als Passagier ist man eher beunruhigt und hofft, dass nicht gleich der Kugelhagel beginnt.

Fast pünktlich sind wir in der Luft und entschweben den deutschen Problemen, neben mir sitzt ein Koch, der mit 25 Kollegen und 200 kg Übergepäck nach Japan reist, um die VIP-Lounge des Formel 1 Rennens nächste Woche zu bekochen und wir haben interessante Gespräche über Thai-Currys, Grünkohl, Hummer und Sauerkraut, sowie das Frischalten von Petersilie und Schnittlauch, von denen ein Bund in Japan 14 € kostet.

Außerdem war es eine glorreiche Idee auch mir vegetarisches Essen zu bestellen, ein Gemüse-Reis, der sehr frisch und lecker war, etwas abechslung zu „beef or chicken“.