Donnerstag, 17.April 2008, von Turkmenbashi nach Balkananbat, 120 Kilometer, 1151 Höhenmeter: “Wüste in allen Variationen“

21. April 2008

Wieder einmal ein lausiges Frühstück und das nach dem fehlenden Abendessen am gestrigen Tag. Draußen sieht es auch nicht toll aus, es ist trübe und kühl, doch um 9 Uhr sitzen wir auf den Rädern und fahren durch die Stadt. Das letzte Mal war ich vor 15 Jahren hier und kann mich an nicht viel erinnern. Turkmenbashi ist eine kleine Stadt mit ein paar charakterfreien Gebäuden. Am Rathaus zeigt ein Strich die Meereshöhe Null, den das Kaspische Meer liegt 26 Meter unter dem Meeresspiegel der Ozeane. Vor der Stadt große Erdölanlagen, dann geht es einen Berg hinauf und dort gibt es nur noch ein paar kleine Häuschen, die in der weiten trockenen Steppe armseliger wirken, als sie sind. An der Straße kauen ein paar Kamele, die keine Kamele, sondern Dromedare sind, auf stacheligen Ranken herum. Ich kann einige von uns gerade noch so davon abhalten mit den Rädern in die Wüste näher zu den Tieren zu fahren, denn die Dornen, die im biologischen Sinne keine Dornen, sondern Stacheln sind, fürchten sich nicht vor unseren „unplattbaren“ Mänteln und ich habe keine Lust auf das Flicken von einem Dutzend Plattfüßen.

 

Der Wind meint es nicht gut mit uns, als wir die letzten Häuser hinter uns lassen, im Gegenteil, er frischt in der nächsten halben Stunde mächtig auf, Windstärke 5, schätze ich, mit heftigeren Böen dazwischen. Diese treiben dichte Schwaden von Staub und feinem Sand vor uns her. Der prickelt unangenehm auf jeder offenen Hautfläche und bald sind wir verpackt wie eine Marsexpedition. Noch einmal frischt der Wind auf und treibt uns zu einer Pause in einer Bushaltestelle. Soll dies ein Willkommensgruß sein in Turkmenistan oder in der Wüst? Nun dann scheinen wir keine erwünschten Gäste. Da sich am Wind nichts ändert, treibe ich meine Leute etwas an. Es hilft nichts und wir müssen da durch. In kleinen Gruppen kämpfen wir uns durch den Sturm, mit nur 10 oder 11 km/h geht es nur mühselig vorwärts, wenigstens lässt irgendwann der Sand und Staub nach, aber angenehmer wird es dadurch nicht. Auch meine Taktik für die langen Wüstenetappen ist dahin, bei solchem Wetter sind 150 Kilometer nicht zu schaffen. Bei einer kleinen Rast beschließen wir die drei Gruppen zu belassen und zu sehen wie weit wir kommen, den Rest nach Balkanabat werden wir wohl im Bus zurücklegen müssen. Dann geht es weiter, irgendwann lässt der Wind etwas nach, aber mehr als 14 oder 15 Kilometer pro Stunde sind nicht möglich. Viel zu sehen gibt es nicht, rundherum Wüste, grau und langweilig, mit viel trockener Erde und ein paar kargen Stauden. Nur die stacheligen Stauden sind an den Spitzen grün und zeigen, dass ja eigentlich Frühling ist. Ab und zu tauchen rechts im Dunst noch das Meer auf und an der linken Seite ziehen graubraune Hügel vorbei. Ab und zu kommen wir an einer kleinen Siedlung mit gleichartigen flachen grauen Häusern auf. Von was leben die Leute hier? Kein Baum, kein Strauch, nur ab und zu ein paar Kamele, die von uns oder vom Wind nicht im Mindesten beeindruckt sind. Menschen sieht man nur ganz wenige. Ab und zu winkt uns ein Kind zu und an einer Bushaltestelle sitzen Frauen mit Kopftüchern und verkaufen eine weiße Flüssigkeit, Kamelsauermilch. Ich überlege kurz und kaufe mir eine Flasche, eine phantastische Sauermilch mit einem eben etwas kameligem Beigeschmack, erfrischend und Durst löschen und hoffentlich ohne fatale Auswirkung auf den Verdauungstrakt. Durch meine Asientrips hoffe ich, etwas abgehärtet zu sein. Meine Mitradler halten sich dann auch zurück und probieren nur einen winzigen Schluck. Auch das Mittagspicknick machen wir in drei Gruppen im Bus. Da der Wind ein wenig nachgelassen hat könnten einige von uns das Tagesziel Balkanabat noch aus eigener Kraft erreichen und so kämpfen wir dann weiter. Doch der Wind frischt wieder so auf, dass es zur Qual wird. Auch Helma und Rosemarie steigen in den Bus um. In meiner Gruppe fahren dann Robert und Dieter und ich, knallhartes Windschattenfahren ist angesagt, jeder genau einen Kilometer im Wind und dann 5 cm hinter dem Rad des anderen oder seitlich versetzt, wenn der Wind von der Kante kommt. Wir schrauben das Tempo auf 17 km/h hoch und rechnen mit einer Ankunft um 19.30 Uhr, doch hinter dem übernächsten Hügel bricht der Wind von neuem kräftig los und wieder sind wir bei 11 oder 12 km/h, geschätzte Ankunftszeit Mitternacht. Bei Kilometer 120 treffen wir auf die vorderste Gruppe. Es ist 19 Uhr, der Wind strafft sich mehr und mehr und das GPS zeigt 15 Kilometer mehr als geplant, also noch 45 Kilometer gegen den Sturm. Die letzte Nacht war auch zu kurz und wir haben Hunger. Also rufen wir den Bus zurück, der dann auch eine halbe Stunde später kommt. Alle sind total müde und kaputt, egal ob sie den ganzen Tag im Wind gestanden haben oder nicht. Gegen 20 Uhr erreichen wir Balkanabat, dass ich als großes Dorf in Erinnerung habe, doch nun geht es vorbei an einer langen Straße moderner Bauten, Theater, Ölkompanien, und unser Hotel. Vor der letzten Kreuzung kommt es fast zu einem Touche mit einem Pkw, der Fahrer fährt vor den Bus, springt aus dem Fahrzeug und schimpft wüst mit unserem Fahrer. Inzwischen springt ein Passant in den auf der Straße stehenden Wagen, lässt den Motor an und fährt mit quietschenden Reifen los. Der schimpfende Fahrer springt zu seinem Auto, erwischt das offene Fenster und hält sich daran fest und wird in der nächsten Kurve davon geschleudert. Unser Fahrer legt den Gang ein und sieht zu, dass er weg kommt und im Bus sitzen wir alle mit aufgeklappten Kinnladen, und ich baue dann auch alle drei Schlösser ans Rad, trotz des bewachten Parkplatzes.

Wenigstens wollen wir ausreichend Schlaf und ein gutes Abendbrot haben und das gibt es dann auch im Hotelrestaurant, Suppe, Vorspeise, Hauptspeise nach Karte und dann nur noch ab ins Bett mit bleischweren Glieder, hoffentlich wird das Wetter morgen etwas besser!

Mittwoch, 16. April 2008, Fähre nach Turkmenbashi: „Gedulsdprobe Teil 2“

21. April 2008

Gegen 7 Uhr schlafen Viele noch. Unser rostiger Kahn zieht eine lange weiße Gischtfahne durch das ruhige Meer, es weht nur ein leichter Wind. Ein Matrose mit einem großen Müllsack kommt an Deck und entledigt sich dessen mittels eines Schwunges über die Reling. Ich schaue den davon treibenden Zivilisationsresten noch ein wenig nach und entschließe mich zu einem genialen Frühstück, hatte ich mir doch in Baku noch eine kleine Dose Kaviar und eine Flasche Sekt gekauft. Heino hatte die gleiche Idee, nur statt des Sektes hat er Wodka auf dem Tisch. Mit ein paar Frühaufstehern genießen wir dann unsere Fischeier auf frischem Brot und der Sekt macht auch schön schläfrig. Es ist einfach schön für ein paar Stunden nichts zu tun zu haben und zu genießen, diese Sekt-Kaviar-Orgie war mein Traum seit wir die Tour geplant haben, mein Freund Yorgos aus Griechenland hätte die Arme ausgebreitet und „Hartes Leben!“ausgerufen und genau das tun Heino und ich auch und an dieser Stelle viele Grüße an Yorgos, den bisher kein anderer Reiseleiter toppen konnte, naja, vielleicht konnte Tamuna aus Tiblissi mithalten. Unter solchen Gedanken verkrieche ich mich dann noch einmal in meinem Schlafsack und mache den Faulenzertag ‚rund’.

Gegen 11 Uhr kommt dann auch die Sonne heraus, einige unserer Reisenden lungern auf dem Oberdeck herum und unterhalten sich mit den Teilnehmern der anderen Gruppen oder lesen oder starren einfach nur ins Meer. So vergeht dann der Vormittag, der Mittag und auch der Nachmittag, ab und zu unterbrochen durch ein Tässchen Tee und irgendwann gegen 16 Uhr ist dann auch ein schmaler Streifen Land zu sehen. Dieser kommt näher und näher, durch eine schmale Wasserstraße geht es in die Bucht vor Turkmenbashi und wir erkennen die Konturen der Stadt, kahle Berge, Eröraffinerien und Hafenanlagen. Doch zur allgemeinen Enttäuschung wendet das Boot drei Kilometer vor der Küste, stoppt die Maschinen und wirft den Anker und dann passiert nichts mehr. Wieder heißt es warten und warten und es wird wohl nicht das letzte Mal an diesem Tag sein, denn die Grenzabfertigung in Turkmenbashi, das hier schon fast greifbar vor uns liegt, ist für seine Langsamkeit bekannt.

Als die Sonne dann langsam an den Horizont wandert wird die Maschine wieder angeworfen und unser Schiff wird an den Fährhafen bugsiert. Fasziniert beobachten alle, wie der große Kahn zentimetergenau an die Gleiskante heranmanövriert wird. Bei dem schönen Wetter und der ruhigen See funktioniert das sehr gut, aber wie mag das bei schlechtem Wetter und hohem Wellengang aussehen. Von Bord dürfen wir noch lange nicht. Zuerst kommt ein Arzt an Bord und nun gilt es die Reisepässe von drei großen Reisegruppen, die die Schiffscrew gut vermischt hat, wieder auseinanderzusortieren, unser Doktor und der der Litauer wird nach mehr oder weniger seltenen Krankheiten in der Gruppe befragt, dann kommt nach einer halben Stunde der Zoll an Bord und beguckt sich alles und dann dürfen wir auch entladen und uns zur Grenzstation an Land begeben, wo es wieder heißt: Warten, warten, noch mal warten. Zwischendrin ein Formular ausfüllen und dann noch eins. Dann geht es unendlich langsam in der Abfertigungshalle vorwärts. Jeder Pass geht durch mindestens 5 Hände, weiteres Papier wird von den Beamten ausgefüllt, Anmeldebescheinigungen ausgefüllt, gegen gecheckt und mehrfach gestempelt, das Gepäck durchleuchtet und so weiter. Gegen Mitternacht kann uns dann Ata, unser turkmenischer Führer, in Empfang nehmen und wir radeln in die nahe Stadt. Die Nacht ist kühl und es weht ein frischer Wind aus der verkehrten Richtung. Im Hotel gibt es dann nur noch etwas zu essen auf den Zimmern und eine Flasche Wasser und gegen zwei Uhr kann ich dann endlich mein Licht löschen und einschlafen nach einem Tag unendlicher Wartereien, morgen soll es dann gleich zeitig weiter in die Wüste hier in Turkmenistan gehen.

Dienstag, 15. April 2008, Wartetag in Baku: „Die Geduldsprobe“

21. April 2008

Zwei Ruhetage haben einen großen Vorteil, denn die wirkliche Ruhe setzt erst am zweiten Tag ein. Dieser beginnt mit Ausschlafen und Frühstück. Ich muss um 9 Uhr los an den Fährhafen, um dort die Pässe abzugeben und die Tickets klarzumachen.

Dort am Fährhafen warten schon die Litauer und haben noch nicht viel erreicht. Wenigstens kann ich nach Abgabe der Pässe wieder gehen. Die Fähre fährt, wann der Kapitän will, erst einmal ist sie noch gar nicht da und niemand weiß, wann sie kommt, aber dies sei normal, ich werde aller drei Stunden informiert. Mit diesen Neuigkeiten komme ich dann zurück ins Hotel. Erst einmal ist für Beschäftigung gesorgt, wir putzen die Räder, säubern und ölen die Ketten. Bremsbeläge müssen gewechselt werden und es gelingt mir alle verstellten Schaltungen zu justieren, so dass wir keinen Abstecher zu einem Radladen mit professionellem Mechaniker mehr fahren müssen. Dabei vergehen dann die ersten 3 Stunden und um 13 Uhr gibt es noch keine Neuigkeiten. Dadurch bleibt Zeit für ein paar Einkäufe oder fürs Mittagessen oder für einen Bummel am Strand. Ich quäle mich mit dem Internet und versuche, einige Mails zu senden und meinen Blog auf den aktuellen Stand zu bringen. Währenddessen entfaltet sich das kriminelle Potential in der Gruppe. In der Lobby stehen kleine Fähnchen aller Herren Länder, die genau die richtige Größe für Eckhards Fahnenstange haben, für alle Länder, die wir auf der Tour noch durchqueren gibt es dort Fähnchen.

Bisher hatten wir immer nur unter größten Bemühungen eine Fahne fürs jeweilige Land auftreiben können und nachdem selbst unsre moralischsten Teilnehmer ihre Zustimmung gegeben haben, verschwindet ein Fähnchen nach dem anderen und glücklicherweise bekommt die Dame an der Rezeption nichts davon mit. Als Reiseleiter muss ich hier natürlich schreiben, dass ich von alledem nichts gewusst habe.

16 Uhr gibt es wieder nichts Neues und einige werden unruhig, ob des verschwendeten Tages, doch noch währen der Diskussion klingelt mein Telefon und wir können für 19 Uhr unsere Abfahrt vorbereiten. Pünktlich ist alles verladen und verstaut und wir rollen die drei Kilometer zum Fährhafen. Das Schiff ist zwar immer noch nicht da, aber es wird erwartet. Auf dem Gelände des Fährhafens tummeln sich nun drei Gruppen, die Litauer sind auch schon da und noch ein Fahrzeug von Dragomann Tours, die mit einem umgebauten Fahrzeug durch die Welt trudeln, Ziel natürlich auch Peking. Erst nach einer guten Bierlänge tut sich etwas am Eisenbahnfährterminal. Die Pässe werden ein paar Mal geprüft und wir besteigen die Fähre und verstauen unser Gepäck an der Seitenwand des großen rostigen Seelenverkäufers. Die Kajüten sind schon wieder so schlecht, dass alle es eher lustig finden und wirklich niemand meckert, aber mit dem Schlafsack lässt es sich auch auf der keimigen Matratze für eine Nacht aushalten. Von den Toiletten funktionieren auch nur einige richtig. Das einzige, was wirklich von Anfang an funktioniert, ist die Bar. Also machen wir es uns hier erst einmal gemütlich und warten darauf, dass die Fähre ablegt und wirklich irgendwann gegen 23 Uhr geht ein Ruck  durch das Schiff und wir sind auf dem Wasser und Baku verschwindet langsam am Horizont. Kurz nach Mitternacht feiern wir noch ein wenig Roberts Geburtstag, dann geht es schlafen weiter in Richtung Turkmenistan.

Montag, 14. April 2008, Ruhetag in Baku: „Kaviar und Wodka“

15. April 2008


Heute haben wir ein Frühstück, welches alle Geschmäcker befriedigt, es gibt Müsli und Früchte, Wurst, Eier und verschieden Sorten Käse und entsprechend gut ist die Laune, zumal wir alle ausschlafen konnten.

Gegen 10 Uhr steigen wir in den Bus zur Stadtrundfahrt, nachdem wir uns ausführlich von Lewan, unserem Reisebegleiter aus Georgien verabschiedet haben. Alle sind ein wenig traurig, denn Leo, wie wir ihn nannten, tat unserer Gruppe mit seiner ruhigen sympathischen Art wirklich sehr gut.

Offiziell leben in Baku 2,2 Millionen Menschen, inoffiziell sind es doppelt so viele, vor allem Einwanderer aus benachbarten Krisenregionen und Gastarbeiter leben hier. Unterwegs treffen wir dann sogar eine chinesische Bauchhändlerin, die sich mit ihrer Familie hier durchschlägt.

Etwas bedrückend ist das Denkmal für den 20. Januar 1990. An diesem Tag wurde von der russischen Armee eine Demonstration blutig aufgelöst, wobei über 120 Menschen ums Leben kamen. Weiterhin gab es Dutzende Soldatengräber aus den Konflikten Aserbaidschans mit Armenien und der „abtrünnigen“ Provinz Nagornui Karabach. Allerdings frage ich mich, ob mit der Anlage eines solchen Memorials nicht die Grundlage für weitere Feindschaft gelegt wurde.

Von dem Denkmal hat man allerdings auch einen hervorragenden Überblick über ganz Baku, vor uns liegt das Kaspische Meer, über das wir morgen schippern wollen und die von der UNESCO geschützte Altstadt. Dahinter eine Woge von Hochhäusern, sicheres Zeichen für ein durch Ölreichtum aufstrebendes Land.

Die Altstadt mit ihrer Stadtmauer und den Gebäuden des ersten Ölbooms im letzten Jahrhundert sind wunderschön renoviert. Überall gibt es kleine Souvenirläden und trendige Restaurants. Eine Bar ist nach dem Tarantino Film“Kill Bill“ benannt und an der nächsten Ecke gibt es „Snatschoks“, kleine Abzeichen aus guten alten Sowjetzeiten. Ich verleihe mir selbst einen kleinen Anstecker mit Leninporträt und der Aufschrift „Für ausgezeichnete Arbeit“, Kostenpunkt 80 Cent.

Danach geht es in den Khanpalast, leider ist es zu warm unds der Palast ist zu gut renoviert, alles ist perfekt, aber es gibt keine alten Ecken für Stöbernasen und so beschließen wir, die Besichtigung nicht unnötig in die Länge zu ziehen, sondern fahren zum Markt.

Dort kaufen wir Kaviar für 120 Euro, schließlich kommen wir so schnell nicht wieder. Das ist zwar viel Geld, macht aber nur drei Döschen a 130 gramm in drei verschiedenen Qualitäten aus. Dazu kaufen wir dann noch Brot, Schinken, Obst und Gemüse und suchen uns eine Teestube, in der wir alles auftischen dürfen. Kombiniert mit einem Schluck Wodka stürzt sich jeder auf sein kleines Häppchen Fischeier…..lecker und wir stellen fest, die billigste und die teuerste Sorte schmecken am besten. Nach einem abschließenden Tee geht es dann zurück ins Hotel und jeder kann den Rest des Tages so verbringen, wie er will. Einige wollen noch ein wenig durchs Zentrum bummeln oder am Ufer promenieren, andere halten einen Spätnachmittagsschlaf und ich sitze den ganzen Abend am Computer und erweise mich meines Ordens würdig.

Sonntag, 13. April 2008, von Samaxi nach Baku, 130 Kilometer, 1009 Höhenmeter: „Am Beginn der Wüste“

15. April 2008


Das Frühstück ist so mager wie an den Tagen zuvor und einige in der Gruppe murren deswegen, aber diese Art von Frühstück, nur Brot und Honig, dazu eine Scheibe Käse und ein halbes Rührei ist hier landesüblich. Einige fordern sogar ihre 200 Kalorien zum Frühstück, aber ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns kurz vor dem Hungertod steht, eher im Gegenteil.

Nach einigen kleinen Justierungen an den Rädern geht es dann los. Der aserbaidschanische Guide hatte einen Tag mit kleinen Hügeln angekündigt, doch glücklicherweise hatte ich das Höhenprofil noch einmal studiert und allen gesagt, dass wir in den „Hügeln“ gut und gerne 1000 Höhenmeter sammeln können und die Strecke auch bis zu 130 Kilometer werden könnte, denn gleich am Anfang geht es stetig bergauf. Wieder einmal wirkte das Wetter unentschlossen nach dem nächtlichen Regen, aber auch heute verziehen sich die dichten Wolken und es klart langsam auf.

Die schwedische Radlerin Erica radelt heute einen Tag mit uns bis nach Baku. Für mich ist das ganz angenehm, da ich einmal einen neuen Gesprächspartner habe mit dem ich keine Gruppenprobleme diskutieren muss und so macht es mir nichts aus, ganz langsam zu dritt mit Ulli die Berge hinauf zu tuckeln.

Mit dem letzten Pass hat sich die Vegetation mächtig verändert, es ist merklich trockener geworden, Landwirtschaft und Bäume gibt es kaum noch, lediglich Steppe, die wahrscheinlich nur jetzt im Frühling nach den täglichen Niederschlägen ein wenig grün ist. Auch Ortschaften sehen wir nicht. Wir klettern mühselig einige mächtige „Hügel“ über fast 25 Kilometer hinauf und fahren wieder etwas herunter, bis wir in den nächsten Ort kommen.

Aufgrund des mageren Frühstücks entschließe ich mich sogar dem CocaCola Konzern ein Getränk abzunehmen, was ich sonst eigentlich nicht tue und mit dem postsowjetischen Schokoladenkonfekt ergibt das zumindest energetisch eine vollwertige Mahlzeit.

Auch die litauische Gruppe ist wieder auf der gleichen Strecke unterwegs und immer wenn die einen eine Pause machen, kämpfen sich die anderen vorbei. Mittagspicknick gibt es auf dem hoffentlich letzten „Hügel“, wir sind noch auf 700 Metern Höhe und Baku liegt ja einige Meter unter dem Meeresspiegel und irgendwann muss ja die ersehnte Abfahrt endlich kommen. Nach einem weiteren Zwischenanstieg ist es dann soweit. Vor uns liegt eine weite, noch trockenere Ebene, das ist schon keine Steppe mehr, sondern schon fast Wüste. Aber es geht steil bergab in diese Einöde hinein. Der Verkehr ist schrecklich. Die Aserbaidschaner fahren wie die Henker und überholen viel zu dicht, obwohl die Gegenfahrbahn frei ist, es sind schon fast Berliner Verhältnisse. Als Dieter die Kette herunterspringt und Heike nicht mehr rechtzeitig bremsen kann und stürzt, ist glücklicherweise kein Auto in der Nähe. Außer einem leicht lädiertem Knie hat sich Heike nichts getan und will auch wieder aufs Rad, aber der Doktor und ich verordnen ihr den Bus, zumindest bis Baku. Murrend lässt sie sich aber dann doch samt Rad auf den Bus setzen. Als der Doktor und ich dann wieder aufsteigen und den anderen hinterher jagen wollen, ist das Hinterrad von Richard platt und wir müssen erst einmal flicken und das gelingt uns dann nicht einmal. Trotz langer Prüfung nach der Plattfußursache können wir nichts finden und so zischt beim Wieder aufpumpen die Luft wieder heraus. Entnervt demontieren wir Heikes Hinterrad und bauen es in Richards Rad ein.

Am nächsten Teehaus warten dann die anderen auf uns. Die Litauer sind auch da, einige machen aber keinen guten Eindruck, da sie mit freiem Oberkörper in einem muslimischen Land einrücken und dann auch noch Bier bestellen, wunder mich darüber, dass Siggitas, der Chef der Truppe und erfahrener Weltenbummler seine Leute nicht darauf eingeschworen hat.

Da der Verkehr immer dichter wird, beschließen wir, geschlossen in der Gruppe den Weg in die Stadt zu nehmen. Es ist wirklich chaotisch, aber in der Gruppe sind wir relativ sicher und das Gruppenfahren haben wir ja zur Genüge in der Türkei geübt.

Im Peleton geht es dann aus der Trockensteppe hinein in die Großstadtwüste. Schön ist der Stadtrand nicht, es gibt viele ärmliche kleine Häuser oder halbfertige Wohnsilos, die sich von denen aus den Sowjetzeiten kaum unterscheiden. Unser Bus wählt dann eine etwas ruhigere Strecke durch einen Sattelitenvorort. Der ist zwar wirklich weniger befahren, aber die Straße ist in einem schauderhaften Zustand.Loch an Loch und Baustelle an Baustelle und dazu noch einmal 150 Höhenmeter Kletterei. Doch auch irgendwann ist auch das geschafft und wir haben einen herrlichen Blick über die Stadt und auf das Kaspische Meer.

Durch die breiten Straßen der Innenstadt ist es dann wieder interessanter. Vorbei geht es an alten und neuen Gebäuden und der Uferpromenade bis zu unserem Vier-Sterne Hotel. Hier muss ich dann erst einmal verkünden, dass unser Gepäck Fahrzeug mit einem Schaden auf der Strecke geblieben ist und erst ein Stunde später kommt, aber wir lassen uns in der Lobby des 14. Stocks häuslich nieder und trinken teures „Schmutziges Bier“. Nach 9 Uhr sind aber alle geduscht und wir ziehen zu einem türkischen Restaurant um die Ecke und haben nach dem langen Tag ein überreichliches Abendessen, welches die Gruppenkasse ordentlich schröpft, Baku ist ein teures Pflaster.

Leider ist das Internet quälend langsam, so dass ich nicht einmal meine Mails beantworten kann und ich sehe einem schrecklich langweiligen morgigen Arbeits-Ruhetag entgegen.