Dienstag, der 13. Dezember 2011

Dienstag, den 13. Dezember 2011

Verkaterter Russischer Bär

Russland- das klingt wie Abenteuer, Wodka, und Kaviar. Russland, das war früher die Inkarnation des Bösen für die einen, der angeheiratete „Große Bruder“ für die anderen. „Von der Sowjetunion lernen, heißt: Siegen lernen!“ lernte ich damals noch in der Schule neben einem soliden Grundwortschatz an nützlichen und unnützen Vokabeln.

Vor 20 Jahren zerbröselte dann das Riesenreich in seine Bestandteile und versuchte seinen neuen Platz in der Weltgeschichte einzunehmen. Damals war ich schon einmal mit dem Fahrrad sechs Monate im Land und konnte 1992 den Verfall in sechs Monaten studieren, der Rubel stürzte von April bis September von 1: 30 auf 1: 500. und es war nichts wie es mal war. Die Menschen nahmen es gelassen, es war eine Reise damals von einer Einladung zur anderen, Aufbruchstimmung war zu spüren, wie überall in Osteuropa.

Wo das Land jetzt angekommen ist, das wollte ich mir mit eigenen Augen ansehen und nicht aus dem Touristenbus auf dem holprigen Asphalt zwischen Nowgorod, Petersburg und Moskau oder hinter den Scheiben der Transsibirischen Eisenbahn, in der der klassische grusinische Schwarztee durch die gleichen Teebeutel ersetzt wurde, die wir auch in unserem Supermarkt um die Ecke finden.

Also habe ich wieder drei Monate das Land mit dem Fahrrad bereist. Aus dem Baltikum kommend, ging es über die Hansestädte Pskow und Novgorod bis nach Moskau. Von dort führte dann mein Weg nach Osten über Kasan bis zum Ural und nach Jekatarienburg; weiter über den europäischen Tellerrand hinaus über Omsk und Novosibirsk nach Irkutsk an den fernen Baikalksee und schließlich über Burjatien in die Mongolei.

Die großen historischen Städte wollte und habe ich gesehen, vor allem aber interessierte mich das Leben in Dörfern und Kleinstädten und das wollte ich mit der Kamera festhalten. Die Erlebnisse und Eindrücke sind umwerfend in einem Land, das zerrissen von Widersprüchen ist, die größer nicht sein können. Stagnation und Verfall, das waren die ersten Eindrücke, noch ganz im Westen und das hat sich fortgesetzt bis ins tiefste Sibirien.

Während Moskau die wohl weltweit größte Dichte an luxuriösen Geländewagen der Marke „Hummer“ hat, hängt der Rest des Landes an der Wodkaflasche. Das Straßennetz ist mehr als morbide, die Hauptverbindung von Europa nach Moskau ist eine Piste aus Löchern mit Asphaltresten, so als fürchte man immer noch den Einfall faschistischer Horden, denen man den Zugang zur Hauptstadt unmöglich machen will. Die Dörfer, um 30 % entsiedelt, verfallen, die schönen alten Holzhäuser, straßenzugweise. Die Leute leben autark von ihren Kartoffeln und dem Gemüse aus dem Garten und auf dem Markt verkaufen alte Männer und Frauen einen halben Eimer Kartoffeln, zwei Bund Zwiebeln und drei Stück Rote Beete, es muss halt nur für den Wodka am Abend reichen. Ein alter Mann in Jekatarienburg sagt mir: “Euch geht es gut in Deutschland, dabei haben wir Russen den Krieg gewonnen und ihr habt ihn verloren!” Die Stimme klingt nicht nach Hass, nur nach Verbitterung und depressiver Traurigkeit. Man ruht sich immer noch aus, auf dieser großen vaterländischen Leistung: „Niemals und nichts vergessen!“ springt dem Resisenden landesweit von Plakaten entgegen, die Soldatenfriedhöfe sind jedoch ungepflegt und verwildert. Dafür findet man überall noch Lenin, in jedem Dorf und jeder Stadt gibt es noch eine Statue in der Leninstraße oder auf dem Leninplatz. Das Mausoleum ist immer noch eine Attraktion auf dem Roten Platz. Wachsbleich ruht der Oktoberrevolutionär wie Schneewittchen in seinem Glassarg, die Ordnungskräfte, die den Eingang regulieren sind rüde und unfreundlich und ranzen mich an: “Im Mausoleum sei fotografieren verboten!” Mein Einwand, dass wir uns immer noch weit vor dem Mausoleum auf dem Roten Platz befänden, wird weggewischt und die uniformierte Matrone überprüft die Löschung des Bildes, auf der sie die Zigarrette im Mund hatte während sie das Gepäck eines Touristen durchwühlte. “Lenin lebt” – nach dem Rundgang an der Kremelmauer begegnet mit der Genosse und schüttelt mir die Hand für 10 Rubel, Foto ausdrücklich genehmigt!

Je weiter weg von der Hauptstadt, um so größer wird der Kult. Die Hauptattraktion der Stadt Ulan-Ude im fernen Burjatien ist immer noch der größte Leninschädel der Welt. Stalins grab findet man an der Kremelmauer, nicht weit Juri Gagarin entfernt und im fernen Sibirien in einer schäbigen Stadt namens Ischim findet sich auch noch eines der letzten Stalindenkmale im Lande. Man wünscht sich schon wieder einen großen Führer und jemandem der der Welt zeigt, was die Russen wirklich können und was für tolle Burschen sie doch alle sind. Die Welt lacht über Putin mit freiem Oberkörper beim Angeln oder beim Erlegen eines Tigers.

Radfahren in Russland ist ein Abenteuer, aber anders als erwartet. Wirklich aufgeschlossene Begegnungen sind selten, das war vor 20 Jahren noch anders, immer wieder wurde ich damals fast von der Straße wegefangen und eingeladen, das passiert uns heute kaum noch. Manchmal hält ein Lada und die Besatzung springt heraus und glaubt einfach nicht, dass wir in Berlin losgefahren sind und noch weniger, dass wir bis nach Peking wollen. Die Wodkaflasche wird gezückt und die Becher machen die Runde, halbvoll und runter und dann noch einmal, diesmal mit dem Fahrer und es waren nicht seine ersten “sto gramm” heute.

Stagnation ist das prägende Bild, Winterschlaf mitten im Hochsommer. Wer noch Arbeit hat, dödelt vor sich hin, Pfusch und Schlamperei. Keine Baustelle, die ordentlich vollendet wird. Noch vor Einzug bröckelt der Putz. Der „Service“ in Hotels, Läden und Restaurants ist mürrisch und müde, alte Sowjetmentalität ist noch lange nicht ausgerottet, sondern wieder im Erwachen. In winzigen Städten kostet ein schrottiges Hotelzimmer 45 €, das noch nicht einmal Jugendherbergsstandard hat, warmes Wasser gibt es nicht. Im Sommer, da werden immer die Leitungen repariert…oder wohl eher nicht.

Bis zum Ural sieht es dann etwas besser aus, hier stehen die Industriezentren des Landes, hier wird noch produziert und den Menschen geht es besser. In Jekatarienburg tobte der Bauboom, allerdings ist der seit ein paar Jahren zum Erliegen gekommen und Ruinen nicht vollendeter Geschäftsbauten und ein halbfertiger Fernsehturm prägen das Stadtbild. Hinter dem Ural beginnt eben das Freilichtmuseum des zerfallenen Sozialismus. 60 % Arbeitslosigkeit kompensiert durch 42%igen Wodka. Das einstmals vorbildliche Gesundheitswesen existiert nicht mehr. Wer nicht zahlt, bekommt keine Hilfe. Warum also ins Krankenhaus, wenn man sich die Seele vorher aus dem Leib saufen kann. “Eigentlich sind alle kriminell” jammert der Poizist, der mir den Weg zu einer Herberge in einem größeren Dorf zeigt. “Aber was sollen die jungen Leute tun, Jobs gibt es nicht und Geld braucht man für Benzin und Wodka, und in den Städten kommen die Drogen noch dazu!”

Genauso museumsreif wie die zerfallenden Holzhäuser ist der Fahrzeugpark, Lada heißt der hier bevorzugte Fahrzeugtyp, gefolgt vom „Rost-quietsch“, Moskwitsch, ab und an ein Wolga. Die Modelle haben oft mehr Jahre auf dem Buckel als die Fahrer, aber der Wagen, der rollt. Und noch zu schnell, die Straßen sind gesäumt von Gräbern, die „Opfer“ meist nicht über 30. Die Landschaften sind unendlich in allen Beziehungen, unendliche Weite, unendliche Birkenwälder, unendliche Hügel, unendliche Straßen vom Ural bis zum Baikalsee.

Manchmal ist es schwer ein Restaurant oder einen Imbiss zu finden, doch es gibt überall kleine Kioske, die neben einem mehr als weiten Sortiment an Wodka auch Lebensmittel verkaufen. Meist sind sie gesichert wie eine Bank. Dicke Gitter trennen Ware und Verkäufer vom Kunden, bestellt und bezahlt wird durch ein kleines Loch darin. In den Supermärkten patroullieren Sicherheitsleute.

Kaum ein Auto parkt in den kleinen Städten einfach auf der Straße vor dem Haus, dafür gibt es spezielle “Stojankas” Abstellflächen, diese sind kostenpflichtig und mit Zaun, Wachpersonal und Hunden gesichert.

Großer Baikal, wie habe ich darauf gewartet an deinem Ufer zu stehen, von Irkutsk noch einmal 75 bergige Kilometer bis an das größte Süßwasserreservoir der Welt. Doch dann in Listwijanka, ein 2 Meter breiter Strand, überall Müll und leere Flaschen, Bauruinen. Am Wochenende fallen die Irkutsker ein, man kommt nicht mehr über die Straße und alle fahren mit dem Auto bis direkt ans Wasser, breiten daneben eine karierte Decke aus und hinterlassen Müll, den keiner wegräumt. Die Luft ist rauchgeschwängert vom Qualm der Räucherkästen. Der Omul wird überall geräuchert, verkauft und gegessen. Ein leckeres Fischchen, eigentlich dürfen nur große Fische gefangen werden, doch das Mindestmaß von 35 cm hat kaum einer von den Tieren, die hier auf dem Grill brutzeln.

Das Wasser im See scheint aber klar und sauber zu sein, auch wenn im Januar ein Gesetz ausgelaufen ist, welches die Einleitung von Idustrieabwässern in den See für zwei Jahre verboten hatte, jetzt dürfen die Zellulosefabriken ihren Dreck wieder fast ungefiltert einleiten. Es ist wie überall in Russland, die scheinbare Unendlichkeit liegt über allem, wen stören die wilden Müllkippen, wenn danach 50 Kilometer nur Wald, Wald und Birken folgen.

Es war ein Erlebnis in Russland Rad zu fahren, der Verkehr war rauh, aber nicht so hart wie erwartet, die LKW schwarten meist dicht am Radler vorbei, man ist aber nicht aggressiv, es fehlt einfach an Radfahrern, als das man den Umgang mit dieser Spezies gewohnt sein könnte. Es war ein Erlebnis in Russland den Zerfall zu sehen, den Pessimismus und die Satgnation, Städte so grau wie zu Zeiten des Kalten Krieges; im Nachbarland, der Mongolei geht es dagegen aufwärts und China ist ein Kulturschock im positiven Sinne, aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück in Berlin blickt man auf den Nachrichtenticker über die Wahlen, es hat sich Nichts geändert in Russland, Putin hat sich wieder an die Macht geschaukelt, Vorwürfe der Wahlfälschung gibt es, Proteste werden aufgelöst, das Internet wird zensiert. Die Wahlbeteiligung war so gering wie nie, mich wundert es nicht und auch der einfache Mann erwartet nichts mehr als seine Flasche Wodka.

Oder vielleicht hat sich doch etwas geändert, wir werden es in den nächsten Wochen sehen, was aus den beginnenden Protesten wird, ob der Russische Bär aus dem Winterschlaf erwacht oder sich nur träge auf die andere Seite wälzt.

Meine Fotos habe ich in Schwarz-Weiß gehalten, weil es die Stimmung im Land besser wiedergibt. Grau und schwermütig wie das Land selbst, könnten sie ebenso aus den 60er Jahren stammen.

 

111. Tag: Donnerstag, der 4. August 2011

Donnerstag, den 4. August 2011

Bergiger Abschied von Sibirien und Russland

128 Kilometer von Gusinoosersk nach Kjachta, 1300 heftige Höhenmeter bei grandiosem Wetter bis 26 Grad, herrliche weite Grassteppen

Am Morgen bestätigt sich noch einmal der Eindruck, den wir von Gusinoosersk bekommen haben. Einzelne der sozialistischen Plattenbauten stehen leer und verstärken die Ödnis der abgewrackten und noch bewohnten Bauten. Die Straßen im ganzen Ort sind eine Katastrophe, was die Dorfjugend nicht davon abhält mit ihren alten Ladas wie bescheuert durch die Schlaglöcher zu rasen. Vor einem Wohnsilo weidet eine Herde Pferde. Und vor dem Ort gibt es riesige Datschensiedlungen, von denen keine einzige mehr bewirtschaftet wird, alle Hütten und Bungalows sind Ruinen und dazwischen Ödland und überall dahinter das Kraftwerk, das einstmals Wohlstand in das Nest gebracht hatte.

Gleich von Beginn an geht es gut bergig zur Sache und wir klettern gleich auf über 800 Meter Höhe, dann biegt die Straße etwas nach links und wir verabschieden uns von der Selenga und erreichen einen kleinen Pass und eigentlich ein anderes Land. Die Landschaft öffnet sich und vor uns liegen weite grüne Hügel, manchmal ein paar Kiefernwälder und man kann in aller Richtungen fast unendlich weit blicken, überall grüne Weiden und Weiten. Wir haben mit dem Pass landschaftlich Sibirien verlassen und die Waldsteppen der Mongolei erreicht. Die vereinzelten Stupa am Wegesrand verstärken den Eindruck noch, wir sind nicht mehr in Russland. Die Burjaten sind je mit den Mongolen mehr als verwandt und ich denke selbst ein hier lebender Mensch kann einen Burjaten rein optisch nicht vom Mongolen unterscheiden.

Unser Bus ist heute ein Krankenlager, gleich fünf Leute haben sich auf die Plätze verabschiedet und dösen vor sich hin. Ich muss wieder gleich sagen, dass sich zu Hause niemand um niemanden Sorgen machen braucht, alle sind wieder wohlauf!!! Wir haben gerätselt, warum es gleich fünf Leuten auf den Magen-Darm Trakt geschlagen hat und haben die Teigtaschen von gestern in Verdacht, obwohl zwei oder drei Leute mehr, inklusive mir, davon gegessen hatten.

Die anderen genießen das Sommerwetter in vollen Zügen,es ist warm, fast heiß und wenn der nächste der vielen Hügel und Berge naht, fast schon wieder zu heiß. Julia macht dann auf halber Strecke den Fehler und erklärt, dass nur noch zwei Berge kommen, aber ich habe meine Zweifel, die Landschaft gibt das einfach nicht her. Aber wir sind ja einiges gewohnt und kämpfen uns gemütlich den nächsten und den nächsten und den nächsten Anstieg empor. Die Belohnung erfolgt dann immer mit einer grandiosen Abfahrt in die Weite.

Am letzten Anstieg, also dem wirklich letzten setzt sich Julia auch noch einmal mit auf Rad und kommt recht schnell ins Schwitzen, vielleicht will sie ja im nächsten Jahr die Tibet Tour mitfahren, aber bis dahin muss sie noch ein wenig trainieren.

Wieder relativ spät erreichen wir dann Kjachta den Grenzort. Dort ist massiv viel Militär stationiert, riesige Kasernengelände gibt es am Stadtrand und einen riesigen Parkplatz mit T72 Panzern, aber heute traue ich mich nicht, ein Foto zu machen. Die Armee sei hier gegen die Chinesen und nicht gegen die Mongolen und wir machen Witze, dass die Chinesen sowieso eher auf ökonomischen Weg ihre Ziele durchsetzen und wenn sie schon militärisch hier eingreifen würden, wohl auch mit modernerer Technik anrücken würden.

Das Hotel ist in Ordnung und wir alle stürzen schnell unter die Duschen und dann zum Abendbrot ins einzige Lokal direkt an der mongolischen Grenze. Dort plündern wir sämtliche Bestände an vorhandenen Lebensmitteln und sagen uns für den nächsten Morgen wieder an. Dann geht die Verabschiedungsreihe los, die letzte Nacht in Russland ist angebrochen und wir sagen Auf Wiedersehen zu Julia, der Chefin von Baikal-Holiday, es war sehr schön hier in der Baikal Region und in Burjatien und es hat uns allen außerordentlich gefallen.Auch von Pawel, unserem Busfahrer, verabschieden wir uns und intonieren gleich noch ein Liedchen. Dann fahren die beiden wieder zurück nach Ulan-Ude und wir verschwinden in unseren Betten.

110. Tag: Mittwoch, der 3. August 2011

Mittwoch, den 3. August 2011

Tantrischer Buddhismus und elektrische Tristesse

107 Kilometer von Ulan Ude nach Gusinoosersk, warme 25 Grad, angenehme 364 Höhenmeter, Besichtigung des buddhistischen Tempels in Iwolginski

Die Nacht war der reinste Horror, unter meinem Zimmer hämmerte die Techno-Mucke bis 5.30 Uhr, meine Freundin und ich haben keine Auge zu getan. Ich habe die Dame an der Rezeption vollgenölt, sie sagt, dass der Rum vermietet worden sei für die Nacht und das in einem Vier Sterne Hotel, tagsüber fährt die Straßenbahn faktisch durch Hotelzimmer, es fühlt sich a, wie ein Erdebeben der Stärke 4. Es wird wirklich zeit, dass wir wieder in zivilisierte Länder kommen.

Meine Freundin düst heute wieder nach Hause und muss dort weiter 3 Monate auf mich warten. Ich bin also nicht nur müde, sondern auch ein bisschen traurig, aber das vergeht auf dem Fahrrad recht schnell. noch einmal geht es am „burjatischen Lenin“ vorbei und dann heraus aus der Stadt.

Nach knapp 2 Stunden erreichen wir Iwolginki. Dort gibt es ein großes buddhistisches Kloster, die größte buddhistische Tempelanlage in Russland. Die Burjaten sind Anhänger des Vajrayana Buddhismus, des tantrischen Buddhismus, den es auch in Tibet gibt. Das erklärt auch das große „Om Mani Patme Hum“ Mantra auf einem Berge vor Ulan Ude. Wir brauchen knappe zwei Stunden, um uns hier satt zu sehen, denn es ist der erste Tempel auf unserer Reise. Auf einem Rundweg geht es im Uhrzeigersinn durch die Anlage und vorbei an Gebetsmühlen und den Wohnhütten der Mönche. Die Anlage ist noch recht neu, denn während der Sowjetzeiten war das Kloster geschlossen und wurde erst in den 90er Jahren wieder eröffnet. Dann kommen wir an kleinen schönen weißen Stupa vorbei und besichtigen die Tempel, die hier hauptsächlich Tara gewidmet sind, die ich in einer anderen Inkarnation aus Südchina als Guanyin, die „Göttin“ der Barmherzigkeit kenne und die einige der wenigen weiblichen Inkarnationen eines Boddhisattvas ist.

Wir freuen uns auch über die vielen „neuen“ Gesichter, denn zahlreiche Burjaten kommen zum Pilgern hierher und drehen ebenso ihre Runde, die streng gläubigen für jedes Lebensjahr eine. Bei dem Alter einiger unserer wackeren Truppe wären wir wohl hier eine ziemlich lange Weile beschäftigt.

Als wir dann wieder auf den Rädern sitzen steht die Sonne im Zenit und ballert ordentlich. Zum Glück bleiben uns heute länger Anstiege erspart, es geht immer im weiten Tal der Selenga entlang und die Landschaft ist sehr schön. Es gibt nicht mehr viel an Orten rundherum und wir sind froh, als wir gegen 14 Uhr eine Raststätte erreichen. Vorher gab es gerade einmal zwei oder drei Ortschaften, die auch nicht direkt an der Straße, sondern auch noch links oder rechts ein paar hundert Meter entfernt. Viel Verkehr gab es nicht auf der Straße und auch die Raststätte ist mit der Gruppe fast überlastet und wir plündern fast die gesamten Vorräte an Salat und Teigtaschen mit Hammelfüllung. Auch in der Suppe ist Schaffleisch, es geht also auch kulinarisch schon eher mongolisch zu.

Der Ausflug in den buddhistischen Tempel hat jede menge Zeit gekostet und so wird es recht spät, als wir in Gusinoosersk einziehen. Das Nest ist eine regelrechte Einöde. Einstmals gab es in der Umgebung viel Braunkohle, von denen heute noch ein paar Tagebaue zeugen und ein riesiges Wärmekraftwerk. Dadurch hat sich die Stadt entwickelt und große Wohnviertel mit Plattenbauten entstanden. Heute wirkt alles verwahrlost, viele Gebäude stehen leer, der Straßenbelag ist katastrophal und wir sind der einhelligen Meinung, dass hier ein prima Ort für die Verbannung wäre: Ödnis am Ende der Welt.

Am Abend haben wir ein leckeres Abendessen direkt im Hotel, in dem es nur eine warme Gemeinschaftsdusche gibt. Die meisten haben deshalb auf eine heiße Dusche verzichtet. Auch haben zwei meiner Reisenden ein wenig Darmprobleme und keinen großen Appetit

Nach dem Essen sitzen wir noch bis nach Mitternacht und diskutieren mit Julia, der Chefin des lokalen Reisebüros, wir das Land zu entwickeln sei. Einige meinen man müsse nur genügend Investitionsbedingungen schaffen und es würde hier recht gut laufen. Julia und ich diskutieren massiv dagegen, hier hat niemand Geld für irgendetwas, wer Initiative besitzt geht weg und alle anderen sind Alkoholiker. Es hat hier niemand Interesse an Entwicklung, die alte sowjetische Mentalität sitzt einfach noch zu tief. Prost!

109. Tag: Dienstag, der 2. August 2011

Dienstag, den 2. August 2011

Unter den Augen Lenins

Ruhetag in Ulan Ude, Stadtspaziergang und Fahrt ins Freilichtmuseum der Burjaten

Der erste Ruhetag für unsere große Gruppe und den haben wir uns verdient nach den ersten anstrengenden Tagen und dem Schock von gestern. Die Chance, dass die beiden gestohlenen Räder wieder auftauchen ist gering, zumindest für uns, man müsste vielleicht in zwei oder drei Wochen über den Schwarzmarkt schlendern. Aber bis Ulan Bator kommen wir auch mit zwei fehlenden Fahrrädern und danach können wir wieder jedem ein Rad geben.

Wir genießen unser Frühstück und starten nicht zu zeitig in den Tag, schließlich muss wieder einmal Wäsche gewaschen werden und Ausschlafen ist auch eine tolle Sache.

Die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein riesiger Leninkopf der für irgendeine Weltausstellung geschaffen wurde. nach der Weltausstellung hat man dann in Moskau überlegt, wohin mit dem Koloss und sich für Burjatien entschieden, vielleicht auch wegen des leicht asiatisch-mongolischen Aussehens der Skulptur. und wirklich hat der Kopf recht schmale Augen und tiefe Furchen und sieht gar nicht so wie andere Lenins aus. Natürlich verabreden wir einen Fototermin für den Abend, wenn die Sonne günstiger scheint.

Ansonsten macht die Stadt einen sympathischen Eindruck. Burjatien ist ja eine eigenständige Republik und so gibt es auch diverse Regierungsgebäude und ein sehr schönes Theater und eine nette Fußgängerzone, die der „Arbat“ von Ulan Ude genannt wird und der mir besser gefällt als die überlaufene Touri-Meile Moskaus.

Am Nachmittag fahren wir in ein Freilichtmuseum, dass die Gewohnheiten der drei Kulturen, die hier aufeinander prallen, recht gut darstellt. Da sind einmal die Ureinwohner der Region, die Ewenken, ein Naturvolk, dass nicht nur ethnisch mit den amerikanischen Indianern verwandt ist. Die Jagdhütten aus Birkenrinde oder Fellen erinnern sehr an Tipis. Von diesem Volk stammt auch der Schamanismus und eine reiche Welt an geistern und schwarzer und weißer Magie. Dann gibt es natürlich die Burjaten, das mongolischstämmige Volk und die Russen. Alles ist hier im weitläufigen Museum recht gut vertreten, etwas trostlos ist der kleine Zoo mit den Kamelen und den traurigen Bären und den noch traurigeren Tigern in zu kleinen Käfigen.

Am Abend machen wir dann unser Gruppenfoto vorm Lenin und ziehen wieder ins gleiche Lokal und genießen wahrscheinlich unser letztes richtig gutes russisches Abendessen und die mit Nüssen oder Schafskäse gefüllten Auberginen als Vorspeise waren wirklich genial.

108. Tag: Montag, der 1. August 2011

Montag, den 1. August 2011

Alles Scheiße- Deine Elli!“

Entdeckung des Verlustes von 2 Rädern, 159 km von Posolkoje nach Ulan Ude, bis 25 Grad mit 655 hm im Selengadelta

Der Morgen beginnt mit einem Schock: Zwei unsere Räder sind weg- richtig weg!

Die Räder hatten wir im umzäunten Innenhof des Hotels geparkt und nun fehlen zwei, mitten aus der Mitte. Barbara hat den Verlust ihres Rades zuerst bemerkt und wir zählen durch und ein weiteres fehlt, das von Armin!

Das drückt natürlich die Stimmung in der Gruppe, keiner hat eine Erklärung, Theorien haben wir in Dutzenden. Die Polizei wird erst um 10 Uhr am „Tatort“ erscheinen, deshalb schicke ich die Gruppe in einen traurigen Tag. Julia, Armin, Barbara und ich warten auf die Polizei.

Natürlich erscheint dann nicht die mobile Infanterie und durchsucht das ganze Dorf, sondern zwei Beamte in Zivil. Die Protokolle werden per Hand aufgenommen, zuerst wird Julia befragt, dann ich, dann Barbara und dann Armin und dann die Chefin vom Guesthouse. Alles wird aufgeschrieben und das war’s dann auch. Wir sind enttäuscht, aber was kann man eigentlich anderes erwarten. Die Räder sind wahrscheinlich von einem „Lokal“ entwendet worden und lagern jetzt in einem Schuppen. In ein paar Wochen werden sie gegen zwei Flaschen Wodka getauscht und irgendjemand fährt dann komfortabel damit zum Angeln.

So kommen wir dann erst Mittag los und holen die anderen an der Raststätte ein. Das Selengadelta ist sehr schön. Die wirklich ruhige Straße führt durch kleine Dörfer und es gäbe eigentlich überall viel zu sehen, aber mit fehlt die Lust.

Die Gruppe kommt gegen 15 Uhr an der Raststätte an, es ist ordentlich heiß, die Sonne lacht bei 25 Grad und wir brauchen Unmengen an kalten Getränken.

Mit Julia fahre ich dann im Auto vor in die Stadt, um Berlin von dem Vorfall zu informieren. Mit Barbara habe ich abgesprochen, dass sie auf dem Bus bleibt bis Ulan Baator. Dort bekommt sie dann das Rad von Annabell, die wieder nach Hause fliegt. Bis dahin wechselt sie aufs Rad, wenn jemand mal in den Bus steigen will, was bei der zunehmenden Hitze wohl ab und zu passieren wird. Für den heutigen Nachmittag reitet Barbara erst einmal mein Rad. Armin und Ulli wollen sich auch das Rad „teilen“, so dass ich keinen (minderwertigen) Ersatz zu besorgen brauche.

Die Fahrt im Auto ist wirklich genauso anstrengend, wie auf dem Rad, ich bin den ganzen Tag müde und am Abend kann ich auch schlecht schlafen und ich freue mich schon wieder auf die Radetappe übermorgen.

Ulan Ude, die Hauptstadt der Burjaten ist ein nettes Städtchen, noch angenehmer als Irkutsk, zunehmend sieht man runde asiatische Gesichter auf den Straßen, die das Bild sehr auflockern. Abends, als die Truppe recht spät, nach immerhin 165 km vom Rad fällt, bleibt gerade noch Zeit für einen Spaziergang auf der Hauptstraße und wir überfallen das Restaurant 20 Minuten vor Ladenschluss. Aber die Aussicht auf 16 zahlende Gäste kann den Koch motivieren, sich noch einmal ans Feuer zu stellen und der Laden ist so gut, dass wir beschließen, morgen noch einmal herzugehen.

Am Anfang habe ich noch die Bilder von gestern Abend eingefügt, vom Einholen der Omule und der schönen Stimmung am Baikal, die ja dann leider wieder zunichte gemacht wurde. Barbara war recht geknickt den ganzen Tag, was natürlich nach 9000 Kilometern auf dem Rad kein Wunder ist.