48. Tag: Samstag, der 15. September 2012

Montag, den 17. September 2012

Der lange Marsch

152 Kilometer von Yuxian nach Kangzhuang, 800 Höhenmeter bei optimalen Bedingungen und sonnigen 20 Grad

Da wir heute unseren letzten langen Tag haben brechen wir recht zeitig auf und lassen unser „kleines Paris“ hinter uns. Heute ist noch einmal ein optimaler Radeltag, die Sonne scheint, aber es sind nur angenehme 18 Grad. Obwohl die Straße fast eine Autobahn ist, gibt es nicht all zu viel Verkehr und man kommt gut voran.

Langsam kommen wir ja in die Umgebung der Hauptstadt, doch davon merkt man eigentlich recht wenig. Es gibt immer noch viele kleine Dörfer und die ganze Region ist sehr landwirtschaftlich. Vor allem wird Mais angebaut. Recht bergig ist es auch, aber die Straße verläuft nur gemütlich ansteigend im Tal entlang.

Zum Mittag hatte ich ein richtig mieses Lokal im Auge, zu dem es keine Alternative gibt und dort ziehen wir auch ein. Aber statt einer lausigen Nudelsuppe können wir drei oder vier richtig gute Gerichte ordern und sind mehr als zufrieden. Vielleicht hat das meckern im letzten Jahr geholfen.

Nach dem dicken Essen schleppen wir uns auf einen kleinen Pass noch einmal 300 Höhenmeter nach oben, danach geht es richtig bergab in einen weiten Talkessel. Die Temperatur steigt noch einmal ordentlich an und auch die Landwirtschaft hier ist viel abwechslungsreicher. Neben dem Mais wird auch sehr viel Obst angebaut, vor allem Wein. Und man versucht sich auch in der Produktion besserer Tropfen, einigen der Güter hat man französische Namen gegeben, na gut, wir sind ja auch nur einen Tagesritt von „Klein Paris“ entfernt.

Unten im Tal liegt dann der Guanting-Stausee, oder das was davon übrig geblieben ist. Viel Wasser plätschert nicht in dem einstmals recht großen See. Dafür hat der Bauwahnsinn aber zugeschlagen. Über mehrere Kilometer am See errichtet man Satellitenstädte und Siedlungen für Neureiche. Riesige Villenviertel werden aus dem Boden gestampft. Die gegend ist zwar nett, aber eigentlich kann man nicht viel machen, der See liegt ein oder zwei Kilometer weg, die Berge rundherum sind eher karg und laden auch nicht zu langen Wanderungen ein und die nächsten Städte liegen alle eine knappe Autostunde weg. Die Baustellen machen deshalb einen eher trostlosen Eindruck und würden mich eher abschrecken. Ich bin wirklich gespannt, wie sich die Gegend hier entwickelt.

Da unsere Übernachtung im letzten Jahr nicht so toll war, hatten wir beschlossen, in diesem Jahr einen neuen Platz zu suchen. In dem kleinen Ort in der Nähe des Sees sieht es aber gar nicht gut aus, das einzige Hotel am Ort wird umgebaut und hat deshalb geschlossen. Obwohl wir schon 140 Kilometer in den Beinen haben, fällt der Entschluss noch 15 Kilometer weiter bis in die nächste Stadt zu radeln, nicht zu schwer. Dort finden wir dann auch recht schnell eine passende Unterkunft und haben morgen dann einen kürzeren Tag vor uns.

Entgegen meiner Gewohnheit, nicht in Hotelrestaurants zu essen, tun wir das heute doch einmal, denn zu einem längeren Spaziergang haben wir keine Lust mehr. Und auch hier werden wir positiv überrascht, vor allem die Lammrippchen, gegrillt nach Art des Hauses, waren ein Traum.

Am Abend stelle ich fest, dass wir ganz nebenbei auch die längste Tagesetappe der Tour gefahren sind, wir haben die Ausfahrt aus Ulaan-Baatar in die Steppe noch um einen Kilometer getoppt.

47. Tag: Freitag, der 14. September 2012

Montag, den 17. September 2012

La Tour Eiffel de petite Paris en Chine

96 Kilometer von Hunyuan nach Yuxian, 560 Höhenmeter bei sonnigen aber kühlen 16 bis 20 Grad

Rund um Beijing gibt es genug Landschaften für lange Fahrradtouren, die einen mehrere Wochen beschäftigen können. Touristisch wirklich erschlossen sind vor allem die Gebiete nördlich von Beijing, entlang der Großen Mauer bis hin zum Gelben Meer. („Kaiserliches China“). Doch landschaftlich ist es in die östliche Richtung ebenso schön, dafür hat man weniger Verkehr, wenige Touristen und so gut wie keine Ausländer. Dafür gibt es links und rechst der Straße schöne kleine Dörfer und ab und an steht auf den Hügeln noch der Lehmsockel eines alten Signalturms. Überall sind die Bäuerlein auf den Feldern, auf denen vor allem Mais angebaut wird und auf der Straße wird man ab und an von einem Eselskarren und dessen Lenker bestaunt. Ansonsten passiert nicht viel an diesem Tag durch die leichte Berglandschaft westlich von Beijing.

Eine Überraschung bietet dann unser Zielort. Schon von weitem erkennt man den Fernsehturm im Zentrum der Stadt, es ist wie ein Dejavu, diese Stahlkonstruktion habe ich doch schon einmal irgendwo gesehen, allerdings ein bisschen größer. Hinter diesem kleinen Eiffelturm befindet sich eine belebt Geschäftsstraße mit viel kleinem Handel und weiter hinten liegt eine nette kleine Altstadt mit richtig viel Leben. In zwei Dingen unterscheidet sich die Stadt vom „richtigen“ Paris, es gibt keine Baguettes und Käse und niemand spricht Französisch. Zurück von unserem Stadtbummel wird es langsam dunkel und der Turm ist mit bunten flackernden Neonlichtern erleuchtet, auf dem zentralen Platz erschallt laute Musik und es wird gesungen. Eine Gruppe in rot gekleidete Frauen singt neben chinesischen Volksliedern auch Hymnen an den Großen Vorsitzenden Mao Tse Tung. Das Interesse der vielleicht dreihundert Leute drumherum ist groß, uns reichen 10 Minuten des Gesangs in schrillsten Tönen. Pünktlich um 22 Uhr wird die Musik ausgeschaltet und die Bürgersteige werden hoch geklappt, dann ist es ruhig bis morgens um 6 Uhr, wenn die Beschallung für die zahlreichen Frühsportler auf dem Platz wieder hoch gefahren wird.

148. Tag: Samstag, der 10. September 2011

Samstag, den 10. September 2011

Kälteinbruch

146 Kilometer von Yuxian zum Guanting Reservoir, 668 hm bei Regen, Nebel und frostigen 8 bis 10 Grad

Was für eine Kälte das draußen ist, höchstens 10 Grad und es regnet. Nicht mehr in Strömen, wie die ganze Nacht, aber es plätschert doch noch kalt und unangenehm vom Himmel, so dass wir uns gut verpacken, bevor wir auf die letzte richtig große Etappe gehen.

Hinter dem Ort reist dann die Wolkenschicht ein wenig auf und gibt den Blick auf die umliegenden Berge frei und es ist kaum zu glauben: Es hat geschneit heute Nacht und die Schneegrenze liegt gerade einmal fünfhundert Meter höher, so ungefähr auf 1700 Meter.

Je weiter wir nach oben kommen und das ist glücklicherweise nicht mehr so viel, umso kälter wird es. Wir kramen Mütze und Handschuhe hervor und tauchen dann in dichten Nebel ein. Nach oben wird es noch einmal merklich kühler und der Nebel immer dichter, zum Glück regnet es nicht mehr, aber trocken wird man natürlich inmitten der dichten Wolken auch nicht. Oben am Pass beträgt die Sichtweite nicht einmal mehr 50 Meter. So kurven wir die schöne Abfahrt auch nur langsam herunter, einmal um nicht zu erfrieren, zum anderen, um den dicken Brummis, die uns ab und an überholen, rechtzeitig ausweichen zu können.

Unten kommt dann an einer großen Kreuzung endlich mal wieder ein Restaurant, aber das Angebot ist mehr als mies und wir bekommen nicht mehr als eine Nudelsuppe mit ein paar Pfitzelchen Fleisch drin.

Aus den Bergen heraus lichtet sich der Nebel und wir merken, dass es eigentlich eine sehr schöne Etappe hätte werden können, aber es fängt wieder an zu regnen, als das Guating Reservoir am Horizont auftaucht. Und es ist glücklicherweise ein paar Grad wärmer geworden.

Am Stausee kennt niemand das Hotel und so fahren wir weiter und weiter, bis es irgendwann dunkel wird. Endlich, dann 15 Kilometer weiter als vermutet geht es nach rechts ab in die Maisfelder einen schlammigen Weg entlang. Nach zahlreichen Ecken und Kurven taucht dann Licht auf und wir sind gegen 20 Uhr am Ziel. Das Hotel ist tendenziell eher mies, mehr als schlichte Zimmer und es kommt kein warmes Wasser aus der Dusche. Es ist das erste Mal auf einer Reise, dass ich erlebe, dass alle Teilnehmer auf eine abendliche Dusche verzichten. Wir sind alle schön müde von dem langen Tag und das Essen in dem „Holiday Ressort“ ist gut und reichlich. Wir gönnen uns dann noch zwei Flaschen eines lokalen Cabernet Sauvignons und der ist auch erstaunlich gut, so hat der Tag wenigstens ein gutes Ende und alle fallen müde in die Betten.

147. Tag: Freitag, der 9. September 2011

Freitag, den 9. September 2011

Stark landwirtschaftlich geprägt

96 Kilometer von Hunyuan nach Yuxian, erfrischend kühl bei 15 bis 18 Grad, ein kleiner Pass und 555 hm

„Stark landwirtschaftlich geprägt“ steht heute in unserem Tourenprogramm, eigentlich heißt das: Nix los. Aber es ist das ganze Gegenteil davon, die Dörfer sind recht rustikal und auf Terrassenflächen wächst vor allem Mais. Glücklicherweise sind wir nicht mehr auf der Hauptstraße mit den vielen LKW, sondern teilen die Straße hauptsächlich mit Motorrädern und Eselskarren. Wir erreichen heute auch die Provinzgrenze zur Provinz Hebei, die Beijing umschließt und verlassen das Gebiet von Shanxi. Hier in der Nähe der Hauptstadt können die Bauern gut von Landwirtschaft leben, denn alle Überschüsse gehen zu ordentlichen Preisen ab auf die Märkte der 10 Millionen Hauptstadt Beijing. Kein Quadratzentimeter Land, auf dem nicht irgendetwas angebaut wird. Trotzdem geht das Leben hier nicht hektisch voran, sondern alles geht ganz gemächlich seinen spätsozialistischen Gang.

Wir genießen die Fahrt durch die Herbstfrische, auf der Abfahrt nach unserem kleinen Pass am Morgen ist es recht bissig frisch und wir packen alle die langen Jacken aus, es wird langsam Herbst in Reich der Mitte. Mittag machen wir in einer Nudelstube in einem kleinen Städtchen, hier sind wir wieder einmal die totale Attraktion, man glaubt kaum, dass sich nur 100 Kilometer weiter keiner mehr nach einer Langnase herumdreht, aber die meisten Touristen belassen es bei einem Ausflug zur Großen Mauer.

Dabei ist die gesamte Region um Beijing herum mehr als sehenswert. Einmal aus der Hauptstadt heraus gibt es ruhige Gegenden mit leichtem Mittelgebirge, man findet Wälder und Seen und viele eben „landwirtschaftlich geprägten“ Gebiete. Wären in den Städten nicht die modernen Leuchtreklamen und ab und zu ein dickes Auto auf der Straße, man würde den Genossen Mao Tse Tung noch nicht all zu lange in seiner gläsernen Gruft vermuten.

Unser Zielort ist auch wieder eine Kleinstadt und auch eine recht moderne, viele Wohnblocksiedlungen sind noch im Bau, aber auf den Straßen vor den neuen Geschäften geht es schon recht busy zu. Es ist wieder einmal ein schöner Spaziergang durch alle Sphären des Lebens. Auf der Straße Stehimbisse und auf der anderen Seite Shops mit chinesischen Marken, von Logos wir Calvin Klein oder Lacoste bleibt die Provinz vorerst noch verschont, das liegt noch ein paar Jahre über der Einkommensgrenze der „landwirtschaftlich geprägten“ Gebiete. ASuf dem zentralen Platz wird abends wieder getanzt und gesteppt und alte Männer und Damen lassen ihre Drachen steigen. Dabei legen sie eine erstaunliche Geschicklichkeit zu Tage und ich lerne, dass man einen Drachen lenken kann, auch wenn er nur an einer Schnur nach oben steigt. Mit Hilfe eines großen Laufrades in der Hand kann sehr schnell viel Schnur freigegeben oder angezogen werden, dann nach einem Ruck legt sich der Drachen in eine vorbestimmte Kurve und geht in den Gleitflug über und wird erst kurz über dem Boden wieder abgefangen. Wie langweilig ist dagegen Drachen steigen lassen in Deutschland.