22. Tag: Sonntag, der 16. Oktober 2011

Die heiligen Birnen des Tsongkhapa

Noch ein Ruhetag in Tongren, Besichtigung dreier Klöster rund um die Stadt und eines alten tibetischen Dorfes

Rund um Tongren liegen dutzende von tibetischen Dörfern, Guom’er liegt etwas südlich vor der Stadt und ist ein Dorf mit einer Geschichte von über 1000 Jahren. Beeindruckend ist die erhaltene ursprüngliche Siedlungsstruktur. Nicht nur, dass die jeder Hof eine hohe Lehmmauer hat, sondern die Höfe liegen dicht aneinander gedrängt und sind von einer Stadtmauer umgeben, die gesamte Anlage ist daher wie eine schwer einzunehmende Festung, durch die sich schmale Gassen ziehen. Beeindruckend ist die Sauberkeit, alles ist blitzblank, wie in einem Musterdorf in Bayern, kein Schmutz und kein Müll in den Gassen. Die Mauern sind frisch mit einem Lehm-Stroh Gemisch verputzt und ab und an öffnet sich ein Tor und wir fragen, ob wir mal einen Blick hinein werfen können. Innen kleine oder mittelgroße Höfe mit zweistöckigen Gebäuden und auch hier fällt sofort die Sauberkeit ins Auge, es ist wie in einem Museumsdorf ohne Besucher, das normale Leben geht seinen Gang, zwei Tibeterinnen treiben zwei Esel durch die Gassen, ein paar ungekämmte, schön schmutzige Kinder spielen in der Sonne, eine Frau wäscht in einer Schüssel die Wäsche, eine andere schält Kartoffeln.

 

Hinter dem Dorf befindet sich ein wunderschöner Stupa. In den meisten tibetischen Gegenden sind die Stupa weiß, hier jedoch ist der Stupa mit farbenfreudigen Ornamenten und buddhistischen Fabelwesen verziert. Ein paar wenige Lokals drehen ihre Runden an den Gebetsmühlen. Im Kloster noch einmal ein Stück dahinter wird gerade eine Zeremonie abgehalten. Die Mönche sitzen auf dem sonnigen Hof vor dem Haupttempel und sind in ihre Meditation vertieft, der Hauptmönch sitze etwas erhöht vor einem Opferofen und schaufelt Gerste und andere Feldfrüchte in die Flammen, der Rauch füllt den ganzen Hof und steigt dann zu den Buddhas, Boddhisattvas und Schutzgöttern in den Himmel. Es ist eine etwas außergewöhnliche Zeremonie, denn die Mönche tragen festlichen Kopfputz und es werden außergewöhnlich viele Lebensmittel geopfert. Interessant ist, dass außer einer kleinen Gruppe von Mönchen kein einziger Zuschauer oder Gast anwesend ist, die Veranstaltung hat also keinen öffentlichen Charakter und ist reiner Selbstzweck für die Mönche.

Und damit bin ich wieder bei meiner Religionskritik, das nicht unbedingt klein zu nennende Kloster ist relativ abgelegen und hat für den Ort mit vielleicht maximal 5.000 Einwohnern doch eine beachtliche Größe. Etwa 50 Mönche haben wir gezählt, die müssen alle irgendwie versorgt werden, das Kloster und die Tempelanlage müssen gut in Schuss gehalten werden und auch die Lebensmittel für die Opfer werden nicht von den Mönchen selbst erarbeitet. Ähnlich sieht es ja auch in Burma aus, wo ein Großteil der Bruttossozialproduktes in neue Stupa und die gesamte Goldproduktion des Landes in Goldauflage für Tempel und Buddhas verwendet wird. „Der neue Stupa ist fertig und das Land ist ruiniert.“ heißt es in einem burmesischen Sprichwort. Letztlich kein Wunder, dass die Tibeter, gerade in den Randgebieten den „sozialistischen Wettbewerb“ mit den Hui und den einfließenden Chinesen nicht gewinnen können und so aus den Positionen in Handel und Business gedrängt werden. Ein chinesische Familie, gerade, wenn sie Neuland besiedelt, arbeitet emsigst und jeder gesparte Yuan wird wieder ins Geschäft investiert, während ein Großteil der Überschüsse der Tibeter in die Tempel fließen und zum Teil wohl nicht einmal nur die Überschüsse. So sind ein teil der sozialen Spannungen, die sich hier erzeugen eine folge des Zivilisationsdruckes und nicht unbedingt einer verfehlten Politik.

 

Doch wieder zurück zu den Tempel, zwei weitere stehen dann gegen Mittag noch auch dem Programm, der obere und der unter Wutun Tempel. Die erste Anlage schmiegt sich leicht an den Berg und überrascht mit einer riesigen stehenden tausendarmigen Guanyin Figur. Die Haupthalle ist wieder einmal dem Gründer der Gelbmützensekte Tsongkhappa gewidmet und der uns durch das Kloster begleitende Mönch verteilt an uns freigiebig die Birnen vom Altar. Die sind überaus lecker und stammen aus der Region. Was nun der Tsongkhappa zum Mittag bekäme, frage ich den Mönch. Ach, der brauche nicht viel antwortet dieser lachend, dafür seine die Birnen nun heilig und damit doppelt so lecker.

Am Nachmittag schlendern wir dann wieder durch die Stadt und genießen das tibetische Straßenleben und enden zum dritten male im gleichen Restaurant, dessen Speisekarte wir nun auswendig kennen, aber außer Nudelstuben ist in der Umgebung nichts weiter zu finden.

Morgen haben wir wieder eine schwierige Etappe vor uns und deshalb gehen wir nicht zu spät ins Bett, der letzte hohe Pass wartet schon auf uns.

Eine Reaktion zu “22. Tag: Sonntag, der 16. Oktober 2011”

  1. Edith

    … klingt plausibel und hab es auch von dieser Warte aus, auch noch niemals betrachtet !!!
    Aber für Religion und Kultstätten wurden von jeher Unsummen ausgegeben … bei uns hat sich das mittlerweile ja gelegt, da der Glaube nicht mehr DIESE ALLHERRSCHENDE ROLLE spielt und die Leute sich nicht mehr so beinflussen lassen !

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