7. Tag: Samstag, der 1. Oktober 2011

An der Großen Mauer entlang….

106 Kilometer von Yongchang nach Shandan, 750 hm über einen leichten Pass bei kühlen 6 bis 18 Grad und diesigem Sonnenschein, kleine ruhige Straße an der Großen Mauer entlang

Nationalfeiertag in China. Vor 62 Jahren hat Mao Tse Tung auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Sozialistische Republik China ausgerufen, seitdem hat sich einiges getan im Lande.

Aus dem Sozialismus ist kapitalistischer Postsozialismus geworden. China hat sich vom Entwicklungsland an eine vordere Position in der Weltwirtschaft katapultiert. Weltweite Aufrufe ignorierend, wurde es zu einer der solidesten und am wenigsten krisenanfälligen Markwirtschaften der Welt und der Wohlstand im Land hat sich vervielfacht. Waren noch in den 80er Jahren ein Fahrrad, ein Fernseher und eine Kühlschrank die Luxusgüter Nummer 1 auf dem Wunschzettel der Chinesen, sind es heute Eigentumswohnung, Auslandsreise und Auto. Viele Großstädter können sich diesen Luxus auch schon leisten. Pünktlich zum Jahrestag hat man die ersten Teile für die eigene Weltraumstation „Tian Tan- Himmelstempel“ in den Weltraum geschossen. In den letzten Jahren hat man sich wieder den etwas vernachlässigten Bauern zugewandt und auch in der Provinz beginnt magerer Wohlstand zu sprießen. Hunger gibt es in China nicht mehr, es ist das einzige Entwicklungsland, welches seine Bevölkerungskurve in den Griff bekommen hat, Bettler sieht man, abgesehen von einigen Plätzen vor großen Sehenswürdigkeiten nicht zu Gesicht.

Abgesehen von Unruhen in den Provinzen Tibet und Xinjiang geht es politisch eher ruhig zu im Lande, einige Exilchinesen, die nach Überstürzter Liberalisierung und Demokratisierung rufen, kennt man ich China nicht im Inland lebende „Aufrührer“ werden als Spinner abgetan, so jedenfalls meine Bekannten und Freunde in Beijing. Man liebt die KP nicht sonderlich, aber akzeptiert sie als die einzige Kraft, die China vorangebracht hat und dies auch weiter tun wird. Ich wünsche den Chinesen jedenfalls, dass sie IHREN Weg weiterhin unbeirrt weiter schreiten, Happy Birthday!

Von den Feierlichkeiten bekommt man nur wenig mit, wenn man den ganzen Tag in der trockenen Steppe unterwegs ist. Heute Morgen haben uns Böller gegen 6 Uhr geweckt und morgens wurden die Plätze festlich geschmückt. Vielleicht sollte ich heute Abend einmal den Fernseher einschalten und das Spektakel in Beijing ansehen, wahrscheinlich gibt es aber auch hier in der Provinz am Abend ein Feuerwerk.

Wir verlassen gegen 9 Uhr bei bissiger Kälte Yongchang und fahren dem nächsten Pass entgegen. Der ist eigentlich keine große Hürde, geht es doch 48 Kilometer nur mit ein oder zwei Prozent Steigung nach oben. Ein bisschen Angst hatte ich vor dem Wind, der uns vor zwei Jahren diesen Tag zur Hölle gemacht hat, aber heute ist es windstill und so kommen wir gut voran. Auf dem höchsten Punkt bewährt sich unsere neue Wasserkanne und wir stoßen mit einem Kaffee an und wärmen uns die Finger.

Rechts taucht dann ein flacher Lehmwall auf: Die Große Mauer! Die könnte man hier prompt übersehen, würde sich die kleine Lehmmauer nicht über dutzende von Kilometern hinziehen. Weiter unten im Tal ist die Mauer besser erhalten und wir machen einen Abstecher und radeln ein paar Kilometer auf einem Feldweg direkt am historischen Gemäuer entlang, natürlich nicht ohne die üblichen Fotos zu machen. Im Schatten der Mauer wachsen Sonnenblumen, die gerade geerntet werden und auf der anderen Seite sind immer noch die Schneegipfel des Qilin zu sehen.

Irgendwann trennt uns ein Maschenzaun von der Autobahn, wir finden schnell ein Schlupfloch und dann fliegen wir die letzten 25 Kilometer nach Shandan, kaum Autos gibt es und einen extra breiten Seitenstreifen, also kein Anlass für die Polizei in Hektik zu verfallen, in China ist möglich, was es in Deutschland nur zum autofreien Sonntag gibt, und das nicht nur zum Republikgeburtstag.

 

Eine Reaktion zu “7. Tag: Samstag, der 1. Oktober 2011”

  1. Karin

    Die Landschaft sieht echt „cool“ aus, da werdet ihr die Thermoskanne sicher noch gut brauchen können, auch wenn sie „nur“ aus Plastik ist. Sonst wäre ich auch zu neidisch geworden nach meiner intensiven, vergeblichen Suche.

    Lieben Gruß, Karin

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